Natur, Leidenschaft, Mut und ein Bikini

von Friederike Hiller

Die Welle, der Wind - der Moment, in dem alles stimmt. In dem der Surfer oder Kiter die Kraft der Natur spürt. Wenn das Adrenalin das Herz schneller schlagen lässt, der Alltag unwichtig wird und sich das Gefühl einstellt, vollkommen im Flow zu sein.

Und dann ist der Moment, der Rausch, für einen kurzen Augenblick vorbei. Der Sturz, gefolgt von dem Drang, möglichst schnell wieder zu starten. Doch der Spaß muss warten. Denn der Bikini hat sich verabschiedet.

Foto: Josea Surfwear

„Als ich den Bikini beim Kitesurfen in Brasilien zum dritten oder vierten Mal verloren hatte, hatte ich die Idee, selbst etwas zu entwerfen“, erzählt Jocelyn Kotulla, Gründerin der Josea Surfwear. „Eigentlich ist es etwas wunderschönes im Bikini zu kiten“, schwärmt die 32-jährige Hamburgerin. Wenn da nicht der ständige Verlust des Zweiteilers wäre. Im Kaufhaus Passendes zu finden – Fehlanzeige. Also ging sie kurzerhand in Sport-BHs aufs Wasser. Zufrieden stellte sie diese Alternative auch nicht. Nicht gerade sexy und ohne passende Hose. Doch wozu hatte sie schließlich Mode- und Textilmanagement studiert. Dann musste sie eben selbst etwas kreieren, was den Ansprüchen der Aktiven genügt. „Eigentlich hatte ich zu dem Zeitpunkt Taschen gemacht. Aber das hat eh nicht zu mir gepasst, da ich immer nur mit Jutebeutel rumrenne.“

Regionale Bikinis aus Fischernetzen

Eine Freundin stellte fest, dass sich der Spitzname Jocy ausgesprochen so anhört wie Jo und Sea. Der Name war geboren und im April 2016 ging sie dann mit Josea Surfwear an den Start. „Seitdem sind wir stark gewachsen“, berichtet sie. Fünf Mitarbeiter arbeiten nun daran, Bikinis, Ponchos, Badeanzüge und weitere Produkte aus nachhaltigen Materialien, herzustellen. Es gibt keine Überproduktion und kein Lager. Wenn die Bestellung reinkommt, wird produziert – in Hamburg. Alte Fischernetze sind ein Material aus dem der Stoff für die Bikinis gewonnen wird. Die Netze werden zu Granulat verarbeitet. „Das sieht aus wie grobes Meersalz.“ Daraus wird dann der Faden gesponnen. Und wie kommen die Bikinis dann in die Tüte? Gar nicht, denn im Rahmen der Nachhaltigkeit verwendet Josea keine Plastikverpackungen. Und wer um die Ecke wohnt, kann den fertigen Bikini auch gerne abholen. „Wir bringen den auch mit dem Rad rum, wenn es passt.“ Also Bikinis aus der Region.

„Ohne Natur sind wir nichts“

„Es ist genau das, was ich machen möchte“, verleiht Jocy ihren Leidenschaften Ausdruck. „Es ist so schön, dass sich so viele Mädels über unsere Produkte freuen.“ Und es zeige, dass den richtigen Bikini zum Surfen zu finden, ein Massenproblem ist. Jocy ist es wichtig, Frauen im Sport zu supporten. „Mir ist es wichtig, Produkte zu kreieren, die in jeder Hinsicht Halt bieten.“ Vielleicht wird es irgendwann auch eine Linie für Männer geben, doch ihr Fokus wird auf den Mädels bleiben, verspricht sie. Ebenso wie sie recyclebaren Materialien und der gehobenen Qualität treu bleiben will. „Jeder Mensch hat gewisse Grundwerte, unsere sind Liebe und Zuneigung gegenüber anderen Menschen und der Natur. Ohne die Natur können wir nicht leben. Ohne sie sind wir nichts.“

Foto: Nancy Becher

„Wenn Wind ist, bin ich auf dem Wasser“

Kein Schnitt wird ins Sortiment aufgenommen, der nicht vorher bereits ausführlich getestet wurde. Der Crashtest muss bestanden werden. Und die führt sie liebend gerne selbst aus. „Das Kiten hat mein Leben komplett verändert“, erzählt Jocy. „Nach kürzester Zeit war ich so krass infiziert. Es ist wie eine Droge.“ Seitdem verbringt sie jede freie Minute auf dem Wasser. „Man erlebt so schöne Momente.“ Sie genieße es, dass es nicht wie ein Gang ins Fitnessstudio ist, bei dem man vorher schon weiß, welche Geräte einen erwarten. „Es ist jedes Mal anders“, schwärmt sie noch mit dem Gefühl des Boards unter den Füßen als sie auf dem Heimweg von Skt. Peter Ording nach Hamburg ist. Feste Arbeitszeiten hat sie sich nicht auferlegt. „Wenn Wind ist, bin ich auf dem Wasser.“ Dafür gibt es dann aber auch kein festes freies Wochenende – denn wenn kein Wind ist, sitzt sie im Büro.

Bildernachweis Titelfoto: Lasse Schneppenheim

Foto: Stefan Grey

Foto: Stefan Grey

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