Kolumne: Balanceakt auf 61 Zentimetern

von Friederike Hiller

61 Zentimeter sind immerhin mehr als ein halber Meter – warum sind sie dann so kippelig? Bereits kleinste Wasserbewegungen versetzen das SUP-Board in einen schwankenden Wellenhüpfer: Das erste Mal auf einem schmalen Touring/Race-Board gleicht einer Balance- mehr als einer Paddeltour.

Die Sonne scheint, der Nordostwind ist noch schwach, trotzdem laufen bereits kleine Wellen auf das sandige Ufer der Kieler Förde. Später soll er zulegen, am morgigen Tag die Sonne wieder hinter den Wolken verschwinden. Also ist es die beste Gelegenheit das SUP auszupacken und das heutige Fitnessprogramm aufs Wasser zu verlegen.

Schmaler Schwimm-Körper

Der penetrante Geruch eines Plastikklebers steigt aus der Tasche empor, als der Reißverschluss mit einem langen Zug geöffnet wird. Zusammengerollte 335,3 Zentimeter aufblasbarer Plastikhohlkörper kommen zum Vorschein. Noch hat er keinen Spritzer Meerwasser auf der Haut gehabt. Es ist eine Premiere. Mit einer Breite von nur 61 Zentimetern eine Herausforderung. Bisher hatten die meist genutzten Paddel-Boards etwa 86 Zentimeter. Dieses Touring/Race-Board besticht durch seinen schmalen Körper.

Wärme steigt proportional zur Luftmenge

Mit jedem Hub der Standpumpe wölbt sich der Schwimmkörper weiter gen Himmel. Er nimmt Form an. Auch die Wärme im menschlichen Körper breitet sich in demselben Maße aus. Trotz der noch kühlen Morgenluft wird der Pulli mit der Zeit zu warm. Der Zeiger der Pumpe steigt vom gelben in den grünen Bereich – noch ein, zwei Pumpstöße, dann ist es geschafft.

Stochern oder Durchziehen?

Wer damit rechnet, dass er baden gehen könnte, zieht sich lieber einen Neoprenanzug an. Immerhin hat das Wasser der Ostsee nur zehn Grad Celsius. An die neue Unterlage gewöhnen - lautet die erste Aufgabe des Tages. Also nicht gleich in den Stand kommen, sondern die ersten zehn Paddelschläge im Knien vollziehen. Die Knie bewegen sich mit jeder Wellebewegung auf und ab, die Oberschenkelmuskulatur arbeitet, der Oberkörper gleicht mit aus. Das fühlt sich zwar kippelig aber machbar an. Also folgt der nächste Schritt. Die Füße pressen sich auf das Rautenmuster der Oberflächenstruktur. Die Knie bleiben auch im Stand leicht gebeugt. Der Blick heftet sich auf die Senkungen und Erhebungen im Wasser, die schräg von vorne auf das Board zulaufen, es an der einen Seite leicht anheben, dann unter ihm hindurch ziehen und auf der anderen Seite wieder in der kleinen Senke absetzen. Die ersten Paddelschläge gleichen einem vorsichtigen Stochern im Wasser. Zwar weiß der Verstand, dass mehr Schnelligkeit auch eine höhere Stabilität gibt, aber noch fühlt sich jeder Paddelschlag wie eine zusätzliche Erschütterung des instabilen Boards an.

Schnelligkeit und Spaß

Warum ist eigentlich so schlimm, ins Wasser zu fallen? Das Wasser hat nur zehn Grad Celsius und ein Bad wird trotz Neopren frisch sein, folgt die logische Erklärung. Das SUP Spaßbad sollte also noch ein wenig warten, bis die Temperaturen zumindest einen Schritt weit weiter gestiegen sind. Und so bleibt die SUP-Tour ein Balanceakt, der immer dann eine neue Herausforderung bringt, wenn die Wellen der großen Container- und Kreuzfahrtschiffe zusätzlich und in einem anderen Winkel heranrollen. Auch, wenn die Größe der Wellen nicht weiter bemerkenswert und eher als sehr klein einzustufen ist, ein spiegelglatter See wäre für die erste Tour auch keine schlechte Idee gewesen. Ein Stück des Weges führt hinter einer Steinmole entlang, dort lässt sich das wohlige Paddelgefühl nachempfinden, das sich wahrscheinlich auf einem See gezeigt hätte. So herrlich mühelos gleitet das SUP dahin, die Anspannung weicht aus den Beinen und nun entfaltet das Board, das was es kann. Schnell sein und Spaß machen.

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