Wingboard: Die Welle ist der Asphalt

von Friederike Hiller

Take off, Cross-Stepping und Nose-Ride nicht auf dem Wasser, sondern auf der Straße. Auf einem 1,75 Meter langen und 35 Zentimeter breiten Wingboard wird das Surffeeling auf der Straße lebendig.

Partywellen auf dem Asphalt

Was ein echtes Surffeeling verspricht, muss ich ausprobieren: Ich hole mit einem Bein Schwung, die großen Rollen drehen sich, bringen Geschwindigkeit ins Board. Dann wird es wackelig, vom Stand gehe ich erst in die Knie, dann lege ich mich hin. Die Hände stütze ich neben dem Brustbein auf, drücke mich ab, springe hoch und versuche, möglichst ausbalanciert zu landen. Zu Beginn ein merkwürdiges Gefühl, wenn unter dem Brett kein Wasser sondern Asphalt auf mich wartet, wenn ich stürzen sollte. Doch der Take off auf dem Land-Longboard, das an Länge und Breite ein Skate-Longboard um einiges überragt, lässt sich auch schrittweise erlernen. Meinen ersten Versuch habe ich also nicht aus dem Liegen heraus gestartet, sondern nur aus der knienden Position. Das klappt auf Anhieb und macht Lust auf mehr.

Ebenso wie das Fahrgefühl. Die Achsen lassen es zu, dass ich das Brett stark zu beiden Seiten kippen kann. So sind trotz der Boardlänge auch schnelle Richtungswechsel möglich. Mit Gefühl durch die Welle, oder eben über den Asphalt. Die Länge des Boards gibt mir Sicherheit auf der wackeligen Unterlage. Nach ein paar Metern spüre ich das Surffeeling, meine Augen leuchten, das Grinsen wird breiter. Nun kann es mit den ersten Tricks losgehen. Kurz die Balance beim Cross-Stepping finden, dann ist es ein fantastisches Gefühl so hin und her zu steppen. Und vor allem habe ich viel mehr Zeit dazu als auf dem Wasser, also zumindest bei den meisten kleineren Wellen. Auch Nose-Rides sind möglich, da die vordere Achse so angebracht ist, dass das Tail nicht in die Luft geht, wenn das Gewicht auf der Nose ist. Und wem das Asphalt-Surfen alleine zu langweilig ist, dem bietet das Wingboard auch zu zweit Platz genug. Als Tandem muss man sich nur einigen, wer Schwung gibt und regular und goofy gleichzeitig ist beim lenken ein Koordinationsspaß. Wenn ich mich als Vordermann direkt nach vorne ausrichte, muss ich acht geben, nicht bei jedem Pushen meines Hintermannes das Gleichgewicht zu verlieren und vom Brett zu fallen. Ein lustiges Erlebnis, was an Partywellen und die meist spaßigen, aber total verunglückten Versuche zu zweit auf einem Longboard auf dem Wasser zu surfen, erinnert.

Surf-Training fernab des Wassers

„Ich wollte etwas bauen, das vom Gefühl her nah am Wellenreiten dran ist. So nah wie möglich“, erklärt Nils Rodekamp, der Erfinder der Wingboards. Der Berliner, der in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist, wollte das Wellenreiten nicht mehr nur auf Urlaube beschränken. „Man braucht immer ein bisschen, bis man wieder reinkommt und dann ist der Urlaub fast vorbei.“ Balance und Take off auch außerhalb des Wassers trainieren, stand für ihn auf der Prioritätenliste ganz oben. „Und ich wollte mir ein bisschen das Gefühl vom Surfen zurückholen, auch wenn ich nicht am Wasser wohne.“

Viele Jahre ist Nils Rodekamp zum Wellenreiten gefahren. Doch sein Beruf als Fotograf ließ ihm immer weniger Zeit dafür. 2013 holte er im stressigen Alltag Luft und fragte sich, was für ihn eigentlich Glück ist. Vor seinem Auge sah er einen VW-Bus, an dem ein Surfbrett lehnt und auf dem Grill bereits leckeres Essen brutzelt. Die Sehnsucht war entfacht. Doch nach vier Jahren Abstinenz vom Surfen, wollte er sich auf den nächsten Wellenkontakt vorbereiten. Nach einiger Recherche fand er eine Familie in den USA, die große Asphalt-Longboards baut. Die Idee gefiel Nils Rodekamp, das Design nicht. Da der Holzliebhaber seinen Zivildienst bei einem Tischler absolviert hatte, entwickelte er kurzerhand selbst einen Prototypen. „Noch etwas klobig“, gibt er lachend zu. Damit gab er sich nicht zufrieden, tüftelte weiter, entwickelte eine Bauweise, die einen hohlen Innenraum, nur mit Rippen durchzogen, ausmacht. Von der Länger sollten die Wingboards in einen umgeklappten Kombi passen. Und sein Faible für Holz führte dazu, dass jedes seiner Boards ein individuelles Einzelstück mit einer unverwechselbaren Maserung ist.

Ganz lang oder etwas kürzer - das Surffeeling bleibt

Mittlerweile arbeitet der 42-Jährige an einem kürzeren Board. Das soll mit einer Länge von 1,20 Metern auch quer in den Kofferraum passen und noch leichter durch Menschenmengen manövriert werden können, aber alle Eigenschaften des großen Bruders aufweisen. Denn ein Hingucker ist das Wingboard auf jeden Fall. Und wer damit eine mit Touristen bevölkerte Strandpromenade entlang möchte, wird auch gerne mal auf den fahrbaren Untersatz angesprochen. Auch das kleinere Board wird ebenso wie das große so umweltbewusst wie möglich hergestellt. So verwendet Nils Rodekamp beispielsweise keine Lösungsmittel und stellt es zu 90 Prozent in Handarbeit her. „Handwerken ist wie Yoga für mich“, beschreibt er die meditative Ruhe, die ihn überkommt, wenn er das Holz bearbeitet. „Das hat so etwas Monotones, Tiefenentspannendes.“ Vor allem der Moment, an dem aus einem langweiligen Stück Holz eine „wunderschöne Oberfläche“ entsteht, fesselt und fasziniert ihn. Das sei wie im Fotolabor, wenn nach dem Film entwickeln, das Foto herausgearbeitet werde.

Mit Leidenschaft ist Nils Rodekamp dabei, seine Boards zu kreieren. Ebenso viel Spaß hat er daran, sie in Videos zu präsentieren.

 

Fazit: Ein Surfspaß auf Rädern, der aufgrund der Länge des Boards und der Achsen besonders ist. Wenn es mal wieder etwas länger dauert bis zum nächsten Surfurlaub, dann erhält das Wingboard Take-off-Fähigkeiten und Balance. Es macht einfach Laune und ist auch für diejenigen geeignet, die noch nie auf einem Skate- oder Longboard gestanden haben.

Bildernachweis:
Titelfoto: Hiller
weitere Fotos/Video: Wingboards

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