Ohne Förderung, ohne Perspektive

von Friederike Hiller

Wo ist der Nachwuchs? Weltmeisterschaften, World Cup, Vorbereitungen für Olympische Spiele: Die Melde- und Ergebnislisten bei den RS:X Windsurfern sind gespickt mit Europäern. Briten, Niederländer, aber weit und breit kein deutscher Surfer oder Surferin zu sehen. Windsurfer Leon Delle blickt auf die Nachwuchsprobleme der olympischen Klasse.

Vom Mistral zum RS:X Board

Die Bretter waren lang, kamen von Mistral und das Regattasurfen war beliebt. Vor etwa 15 Jahren entschied sich auch Leon Delle in NRW für eine Karriere im Windsurfen. Der Jugendbereich hatte ein funktionierendes System. Nach der Vereinsarbeit gab es Förderungen im Landes- und schließlich Bundes-Kader. Ein starkes Feld sowohl unter dem männlichen als auch den weiblichen Nachwuchs trainierte, um irgendwann bei den Olympischen Spielen starten zu können. Doch 2006 musste dann die erste Entscheidung her. Die Mistral-Klasse wurde gegen das RS:X Board eingetauscht und wer nicht in neues Material investieren konnte oder wollte, der entschied sich, den Leistungsport an den Nagel zu Hängen und den Hobby-Surfer-Weg einzuschlagen. Die Trainingsgruppen wurden kleiner.

Foto: Nicole Riederer

Strukturprobleme

Foto: Nicole Riederer

Trotz neuer Jugendklasse – Bic Techno – gab es immer weniger Sportler, Trainingslager nur noch auf Bundesebene und auch weniger Trainer, die in dieser Board-Klasse professionell anleiten konnten. Viele Jugendliche schafften die Kaderkriterien nicht mehr. „Sie sind nicht von einer großen Gruppe weggefallen, sondern von einer kleinen. Nur eine Handvoll ist geblieben“, erklärt der gebürtige Soester. Da half auch keine Surferromantik oder Lifestyle-Image. „Das ist definitiv Leistungssport. Jeder will der beste der besten werden.“ Und sie hinterfragten sich, wie groß die Perspektive noch sei. „Nicht groß, aber machbar“, war das Fazit. Im Sailing Team Germany seien ab 2009 die Strukturen gar nicht schlecht gewesen. Doch da fehlte es bereits an Athleten und Nachwuchs.

Olympiavorbereitung ohne Trainer unmöglich

Für Trainingslager und Wettkampfvorbereitung kamen nur noch 2 bis 3 Leute zusammen. Für Leons Schwester Moana blieben nur externe Trainingsgruppen. Eine der erfolgreichsten (Boots)-Klassen existierte im Wettkampfbereich fast nicht mehr. „Es gab keine Landestrainer mehr, die die Jugend aus den Vereinen geholt haben.“ 2013 trainierte Leon Delle dann in einer Gemeinschaft mit Toni Wilhelm. Ihr Trainer kam aus Frankreich – in Deutschland gab es keinen. 2014 verpasste er die Kaderqualifikation knapp. Ohne Kaderstatus kamen Zweifel an der Perspektive der olympischen Schiene auf. „Ohne Trainer und Trainingsgruppe kann man in einer olympischen Disziplin nicht bestehen.“ Zudem werde alles unfassbar teuer.

Foto: Nicole Riederer

„Ich bin und bleibe Windsurfer“

Sein Blick wanderte vom olympischen Feld zum Deutschen Windsurf Cup (DWC). Vincent Langer half ihm beim Einstieg und stellte ihm sein altes Material zur Verfügung. Und so kam er in den DWC. Ein Ersatz für olympische Spiele sei das zwar nicht, aber eine befriedigende Alternative. „Olympia kann man nicht ersetzen. Aber so fährst du die Serie, WM und EM mit und das Niveau ist ebenfalls sehr hoch. Du machst dasselbe wie vorher, aber es gibt kein organisiertes Training mehr. Jeder ist sein eigener Coach.“

Zum Kitesurfen zu wechseln, war bisher keine Option von Leon. „Ich habe es mal ausprobiert. Es ist ein cooler Wassersport. Aber bis darauf, dass es das gleiche Element ist, hat das nichts miteinander zu tun. Ich bin und bleibe Windsurfer.“

Foto: Nicole Riederer

Lücken im olympischen Weg

Vor zwei Jahren kümmerte sich Leon dann zum ersten Mal selbst um den Nachwuchs. Er trainierte RS:X Jungen und bereitete sie auf die Regatta vor. „Wenn ich helfen kann, dann helfe ich. Außerdem lerne ich auch selbst etwas dabei“, sagt der Wahl-Kieler, der sich mittlerweile an der Küste mehr als wohl fühlt. „Ich kenne schließlich die Problematik, wenn man ohne Trainer beim Wettkampf ist.“ Ohne Trainer, ohne Trainingsgruppe müssen die Jugendlichen die C-Kader-Bedingungen erreichen, um die Möglichkeit zu haben, Förderung zu erhalten. „Aber das funktioniert nicht.“ Es werde nichts für die surfende Jugend getan. „Das ist sehr frustrierend.“ Die Entscheidung für oder gegen den olympischen Weg werde den Jugendlichen abgenommen. „Es gibt den olympischen Weg nicht mehr – es sind zu große Lücken drin.“ Das, was er tun könne, sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Also haben die Jugendlichen eigentlich nur noch vier Optionen: Aufhören, Surfen nur noch als Hobby, Raceboard Klasse oder Deutscher Windsurf Cup. Beim DWC laufen mittlerweile die Bestrebungen, Bic Techno mit zu integrieren, um so die Kluft zum Nachwuchs zu schließen. So soll dem Nachwuchs auch die Hemmung vor dem „Spektakel“ DWC genommen werden.

Ein bisschen Hoffnung bestehe auch noch durch das Foilen. „Foilen ist auch in der olympischen Schiene auf dem Vormarsch.“ Das könne noch einen Umschwung geben.

Bildnachweis Titelfoto: Nicole Riederer

Foto: Nicole Riederer

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