Wenn das Wasser vorbeifliegt

von Friederike Hiller

Mit über 74 Kilometern pro Stunde rauscht Heidi Ulrich die französische Küsten von La Franqui entlang. Über eine Seemeile – also etwa 1,8 Kilometer – holt sie auf ihrem Windsurfboard alles an Geschwindigkeit heraus, was möglich ist. Beim Prince of Speed will sie die bis dahin ungeschlagene Rekordhalterin Zara Davis hinter sich lassen.

In Position verharren

Ihr Körper ist vollkommen angespannt. Sie friert ihre Position ein. Volle Konzentration und Anspannung über eineinhalb Minuten. „Sobald man die Position des Segels zu stark verändert, verliert man Speed. Und, wenn man zu zabbelig mit den Füssen ist, riskiert man einen Strömungsabriss der Finnen und somit einen Sturz.“ Nur die eine Seemeile zählt, rechts und links fliegt das Wasser vorbei. Die 34-Jährige nimmt es nicht wahr. Sie ist im Tunnelblick. „Ich bin dann voll bei mir und hoffe einfach immer auf noch mehr Wind.“ Der Run ist vorbei, ein Blick auf die Zeit und dann geht es von vorne los. „Man hofft immer noch schneller und noch schneller zu sein.“ Wieder schnallt sie sich acht bis zehn Kilogramm Blei auf den Rücken, um die nötige Stabilität zu bekommen, schnappt sich ihr 4.7 oder 5.4 großes Segel und ihr Speedbrett. „Das sieht fast aus wie ein Wasserski“, sagt sie lachen. Denn ihr eines hat gerade mal 45 Liter Volumen bei einer Breite von 39 Zentimetern, das andere ist 41 Zentimeter breit und hat 55 Liter Volumen.

Foto: Thomas Döblin

Der Sand fliegt

Ein idyllisches Wassersport-Fleckchen: ein breiter Sandstrand, der ins türkisfarbene Wasser mündet. Doch der Strand ist wie leergefegt. Der Wind bläst mit über 80 Kilometern pro Stunde über den Sand und schleudert die Körner umher. Kein gemütlicher Windsurf-Spaß. Dafür gehen jetzt die Speedsurfer aufs Wasser.

„Wenn wir am Speeden sind, dann fliegt der Sand und es tut auf der Haut wirklich weh. Wir haben dann sogar meistens Skibrillen auf“, berichtet die Schweizerin, die ihre Kontrahentin überflügelte und für eine Woche die schnellste Windsurferin der Welt war, bevor diese sich den Titel zurück erkämpfte.

Foto: Thomas Döblin

„Speed ist meine Leidenschaft“

Erst vor sechs Jahren stieg Heidi zum ersten Mal auf ein Windsurfbrett. Ihr damaliger Freund und Bruder des Windsurfbrett-Herstellers Patrik Diethelm brachte sie zu dem Wassersport. „Dessen Freundin Karin Jaggi – 35-fache Weltmeisterin in allen Windsurfdisziplinen - war und ist immer noch eine super Kollegin für mich und vor allem aber ein Vorbild.“ Egal wohin es ging und wie die Bedingungen waren, Heidi ging immer mit aufs Wasser. „Zu Beginn war ich für die drei eine schwimmende Boje. Ich bekam eine uralte pinke Schwimmweste und sie halsten immer um mich herum. Das wollte ich ändern.“ Als sie dann ein Jahr später zum ersten Mal in Namibia am ausgebuddelten Kanal stand und sich die Speed Weltrekord-Versuche über 500 Meter ansah, war klar, dass das ihr Ziel ist. „Ich gab alles, damit ich 2015 auch auf dem Kanal fahren konnte.“ Doch die Vorbereitungen liefen nicht optimal und so stand sie erst zwei Tage vor dem Event zum ersten Mal auf dem 39 Zentimeter breiten Speedboard. „Auf die eine Seite konnte ich es starten, auf die andere nicht. So musste mich Karin Jaggi holen kommen. Ich dachte damals: Das schaffe ich nie.“ Trotzdem packte sie der Geschwindigkeitsrausch. „Speed ist meine Leidenschaft.“

Foto: Thomas Döblin

Motiviert, zielstrebig, ehrgeizig

Drei Jahre später klappt es doch und jetzt kam es überraschend. „Eigentlich wollte ich einfach mit meinem Partner (Christan Arnold, nationaler Rekordhalter im Speedsurfen) in den Urlaub nach Frankreich und zum Spaß haben wir uns angemeldet. Wir wollten mal schauen, wo wir stehen und ob wir überhaupt mithalten können.“ Schnell zeigte sich, dass sie mithalten können. Das erste Event über 500 Meter gewann Heidi – dann folgte der Weltrekord über die Strecke einer Seemeile. „Und plötzlich hatte alles einen anderen Stellenwert und der Ehrgeiz wurde riesig. Ich bin immer noch die gleiche, werde aber nicht mehr belächelt.“ Jetzt da sie wisse, was möglich ist, sei sie umso motivierter und zielstrebiger. „Ja, der Weltrekord hat mein Fokus ziemlich verändert.“

Foto: Thomas Döblin

Ich möchte vor allem Spaß haben“

Daher möchte sie sich im kommenden Jahr den Weltrekord wieder zurückholen. Doch bis dahin gibt es noch weitere Projekte. Neben der Schweizer Meisterschaft Mitte August möchte sie eventuell auch im Herbst nach Namibia und erneut am Weltrekordversuch über 500 Meter teil zu nehmen. „Da bin ich momentan die fünftschnellste Frau der Welt und wäre gerne unter den top drei.“ Für das kommende Jahr könne sie sich aber auch vorstellen beim Windsurf Worldcup im Slalom mitzufahren. Aber egal ob es klappt oder nicht: „Ich möchte vor allem Spaß haben.“

Der Spaß sei ein wichtiger Motivationsfaktor. „Es muss mir Freude machen und das tut es. Auch bei den Events: Die Freude am Sport steht neben dem Ehrgeiz an obersten Stelle.“ Aber sie hat noch ein anderes Motivations-Ass an ihrer Seite. „Mir ist es wichtig, dass ich mit meinem Freund trainieren kann. Er ist der Einzige, der mich motivieren, verbessern und coachen kann. Nicht nur auf sondern auch neben dem Wasser und mental. Ich denke ohne ihn wäre ich nie so weit gekommen.

Heidi Ulrichs Ehrgeiz ist auch in ihrem Tagesplan spürbar. Täglich trainiert sie. Und wenn der Wind fehlt, geht sie paddeln oder biken und baut Ausdauer und Schnellsport aus. Ihr Homespot ist der Urnersee in der Schweiz. Aber zum Speedsurfen muss sie an die Küsten Frankreichs, Englands oder Namibia reisen. Doch egal, ob sie nun auf dem Wasser zu finden ist oder in den Bergen: „Letztendlich geht es uns um die Zeit, die wir zusammen in der Natur verbringen. Der wahre Wert ist nicht Geld sondern die Zeit, einfach zu genießen, draußen zu sein, zu leben und Energie zu tanken.“

Bildnachweis Titelfoto:Thomas Döblin

Foto: Thomas Döblin

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