Segeln ist pink

von Friederike Hiller

Spaß passt zum Segeln wie Arsch auf Eimer: Die Mädels der Tutima-Crew bereiten sich auf die Weltmeisterschaft in Kopenhagen vor. Wer mit Leidenschaft segelt, darf auch in Pink leuchten.

Keine Nachwuchssorgen bei der Mädels-Crew

Der Wind frischt auf, 26 Knoten (gute sechs Windstärken) peitschen in die Segel. Die großen Segel bieten den Böen viel Angriffsfläche. Noch sitzt nicht jeder Handgriff perfekt. Bis es soweit ist, wird trainiert, Manöver um Manöver. Wenden, Halsen, Wechsel des Vorsegels von Genua zu Spinnaker.

„Es war aufregend“, sagt Skipperin Kirsten Harmstorf. Die pinken Jacken der Tutima-Crew leuchten am Steg im Olympiahafen Schilksee in Kiel und bringen Farbtupfer auf die titangraue dk46 Cruiser Racer Yacht. „Wir haben neue Mädels dabei“, erklärt die 43-Jährige. 15 von ihnen sind immer an Bord, 13 gehören zur Stammbesetzung. Pernilla aus Schweden ist an diesem Trainingswochenende auf der Kieler Außenförde zum ersten Mal mit dabei. „Sie ist bei der EM im letzten Jahr auf uns aufmerksam geworden, fand uns cool und hat uns über Facebook angeschrieben.“ Damit es, wenn es beim Training mal hektisch wird, nicht auch noch sprachlich einen Knoten im Kopfe gibt, wie Kirsten Harmstorf lachend erklärt, darf sie auch gerne auf Englisch reden. Nachwuchssorgen hat die Crew, die ausschließlich aus Frauen besteht, nicht. Und so laden sie immer wieder Mädels zum Training ein. „Beim Training schauen wir, ob es passt, sowohl menschlich als auch segeltechnisch“, erklärt die Skipperin. In diesem Jahr müssen sich die Neuen beeilen, um ihre Position im Griff zu haben, sich an das Boot zu gewöhnen und die Handgriffe ins Blut übergehen zu lassen. Denn bis zur kommenden Weltmeisterschaft in Kopenhagen ist nicht mehr viel Zeit und die Trainingstage sind begrenzt. Für Pernilla heißt das, den Achterholer vom Spinnaker perfekt zu trimmen, sodass das bauchige Vorsegel, das bei Vorwindkursen (Wind kommt mehr oder weniger direkt von hinten) eingesetzt wird, perfekt steht und zieht.

Vorbereitung auf die WM

Erste Regattaerfahrung in teilweise neuer Besetzung bietet die Maior-Regatta vor Kiel vom 29. April bis 1. Mai. Bereits am kommenden Wochenende ist der erste Test, wie gut es läuft. Denn dann bietet der Deutsche Segel-Verein zusammen mit der Regattavereinigung Seesegeln das Go For Speed Training an. „Das ist super, das bringt richtig was. Es ist grandios für den Auftakt der Saison“, so Kirsten Harmstorf. Auf dem ausgelegten Kurs kann an den Manövern unter realen Regattabedingungen gefeilt werden. „Es ist gut, eine vernünftige Startlinie zu haben.“ Daher nutzt die Tutima-Crew jedes Jahr die Möglichkeit zur Saisonvorbereitung. „Kirsche“, Kirsten Harmstorf, ist optimistisch, dass sie dabei gut abschneiden werden. „Es hat schon extrem gut geklappt. Noch ein bisschen chaotisch“, war ihr Resümee am Sonnabend. Nach der ersten Eingewöhnung ging es am Sonntag gleich wieder aufs Wasser. Die Manöver, für die sich am einen Tag noch Zeit gelassen wurde, sollen nun flüssig laufen, die Abläufe runder werden. „Es ist extrem wichtig, dass jeder weiß, was er zu tun hat. Das ist schon eine Herausforderung bei so einem Wind.“ Alles flattert, ist laut, die Kommandos müssen auch gegen den Wind das Vorschiff erreichen.

Segeln als Leistungssport und Hobby

Ari (Ariadna) aus Mexiko ist die neue Genuatrimmerin und hat diese Position jetzt das zweite Trainingswochenende inne. Sie ist seit 2013 mit an Bord, hatte aber bisher den Spi gekurbelt und gepackt. „Sie hat einen schweren Job vor sich“, sagt Kirsten Harmstorf lächelnd, nicht aufgrund der Sprachbarriere. Vielmehr hat die Skipperin mit ihrer ehemaligen Genuatrimmerin 20 Jahre zusammen gesegelt. Das eingespielte Team muss nun neu aufgebaut werden, denn die Vorgängerin hat vor zehn Wochen ein Kind bekommen. Schwangerschaft oder berufliche Veränderungen: Viel mehr Gründe, bei der Frauencrew auszusteigen, gibt es fast nicht. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? Warum bewerben sich so viele neue Seglerinnen um einen Platz im Team? „Weil es extrem viel Spaß macht und wir die besten Sponsoren der Welt haben.“ Das enge Verhältnis zum Sponsor und dessen Vertrauen seien ein wichtiger Pfeiler des Erfolges. Seit 2009 gibt es die Tutima-Crew und seitdem unter der Leitung von Kirsten Harmstorf. „Wir sind ehrgeizig und wollen gut segeln, kombiniert mit Spaß haben. Wenn das nicht funktioniert, ist irgendwas falsch.“ Zusammengehörigkeitsgefühl wird groß geschrieben und so verwundert es nicht, dass die Skipperin die Kombination aus Leistungssport und Hobby als Freundschaftsding bezeichnet. „Da darf man auch mal lachen.“ Und das kommt auch bei dem fröhlichen Geschnatter nach dem Training auf dem Steg nicht zu kurz.

Wir brauchen keinen Mädelswind.

Girliemäßig, farbig, laut und mit Spaß dabei

Und so ist die Crew auf dem Wasser nicht nur an der farbenfrohen Kleidung sondern auch am Gelächter oder, wenn es der Motivation förderlich ist, auch an lauter Musik zu erkennen. „Wir leben das Girliemäßige auch aus.“ Das Boot ist schlicht, die Seglerinnen bringen die Farbe ins Spiel. „Wir sind mit Abstand die lautesten, man hört uns immer.“ Zwischen 19 und 47 Jahre alt sind die Seglerinnen, doch die große Altersspanne sei kein Problem, das merke man nicht. „Wir sehen uns als Team. Die Altersstruktur ist völlig unwichtig.“

Kirsten Harmstorf kennt es nicht anders, als mit einer Frauencrew Regatten zu segeln. Männer sind ihr da noch nie untergekommen. Mit 19 Jahren wechselte sie vom Fahrtensegeln ins Regattageschehen. Mit sechs Mädels segelte sie eine J24. „Nachdem wir Jahre zusammengesegelt haben, passten wir zusammen wie Arsch auf Eimer.“ Nach zehn Jahre stiegen sie dann um, tauschten 24 gegen 41 Fuß (Länge des Schiffes, etwa 7 und 12,5 Meter) und mischten die Big Boot (Dickschiff) Szene auf. „Das war der Hammer, da haben wir auch auf zwölf Mädels aufgestockt.“ 2009 wurden sie dann von Tutima angesprochen. Zur Kieler Woche in dem Jahr gingen sie testweise an den Start und zu schauen, wie sie nun mit 46 Fuß (14 Meter) zurecht kommen. „Das sind schon krasse Dimensionen.“ Die Frage, ob sie sich das zutrauen, war schnell mit Ja beantwortet und wiederum kamen drei neue Crewmitglieder dazu.

Sie wollen das Beste rausholen

Die WM in Kopenhagen ist für die 15 Seglerinnen das Highlight des Jahres. Und auch, wenn sie, wie sie sagen, nicht mit den Vollprofis mithalten können, so wollen sie sich doch einen der vorderen Plätze in der Amateurwertung sichern. „Das Beste rauszuholen ist unser Anspruch“, so die Skipperin. Im vergangenen Jahr schafften sie es mit einem dritten Platz „ endlich einen Treppchenplatz“ zu ersegeln. Das Revier ist bekannt. Doch für die Maior gibt es kein gestecktes Ziel. „Die Maior wird interessant, weil es eine neue Einteilung der Klassen gibt und wir schauen, wer in unserer Gruppe ist.“ Egal ob Maior oder WM ein bisschen mehr Wind erhofft sich die Mannschaft. „Das Boot ist schon sehr schwerfällig“, spricht Kirsten Harmstorf die 8,6 Tonnen Gewicht an. Bei wenig Wind dauert es, bis das zum Laufen gebracht wird. Perfekt wären mittelstarke Winde um die zwölf Knoten, aber „das kann ja jeder“. „Wir brauchen keinen Mädelswind“, betont sie. Denn bei viel Wind lässt zwar irgendwann die Kraft nach, doch die ist auch bei den Männercrews nicht unbegrenzt verfügbar. Und: „wir haben keine Zeterliese dabei“, ist sie stolz auf die Crew, die sich durchbeißt und bis über die Ziellinie kämpft.

Bildernachweise von oben nach untern:
Max Ranchi
Hiller
Pavel Nesvadba

Zurück

Einen Kommentar schreiben