„Ein unglaubliches Gefühl, wieder zu segeln“

von Friederike Hiller

So lange wie möglich durchhalten und das Knie fürs Segel bei wenig Wind sensibilisieren - so lautete das Ziel für Hannah Anderssohn am Dienstag. Fokus bleibt auf den Manövern. Nach ihrer langen Verletzungspause hat sich die Laser Radial Seglerin auf ihrem Weg kleine Ziele gesetzt. „Man muss 1000 Wenden machen, um wieder rein zu kommen.“

 

Dichter Nebel hüllt den Hafen in Kiel-Schilksee ein und umschlingt die Masten der Yachten. Bis zur Außenmole reicht die Sicht nicht. Doch die DSV Segler machen sich bereit, später soll es noch zum Training aufs Wasser gehen.

Aus 20 Prozent alles herausgeholt

Viel oder mittlere Winde bereiten Hannah Anderssohn im Laser Radial keine Probleme mehr, doch bei leichten Winden sind die Bedingungen noch nicht wieder optimal. Nachdem sich die Maschinenbaustudentin im vergangenen Jahr beim Segel-Training das Knie verdreht und sowohl Außenband als auch Meniskus gerissen hatte, bestimmten Operationen und Reha die vergangenen Monate. Nun ist sie seit etwa einem Monat wieder regelmäßig auf dem Wasser. „Eigentlich unglaublich“, fasst sie freudestrahlend die neu gewonnene Segelfreiheit zusammen. Nach den ersten Wassereinheiten zurück an Land freute sie sich, dass sie es geschafft hatte. Immerhin hatten ihr die Ärzte noch im November mitgeteilt, dass die Chance, wieder segeln zu können, nur bei etwa 20 Prozent liegt. Diese 20 Prozent nutzte sie aus. „Es ist ein unglaubliches Gefühl, wieder segeln zu können“, strahlt sie.

Foto: Friederike Hiller

Ein Stück Freiheit

Die neuen Erfahrungen auf dem Wasser zeigen ihr, dass es nicht nur das Regattasegeln gibt. Denn das, was sie in ihrer unfreiwilligen Ruhepause am meisten vermisst hatte, war das Segeln an sich. „Segeln ist für mich ein Ausgleich. Da sind dann nur ich und das Boot abseits von allem - wo ich mein eigenes Ding machen kann. Es ist ein Stück Freiheit. Ich kann hinfahren, wohin ich will.“

Doch auch wenn das Segeln auch einfach nur Spaß bringt. Den Leistungsport möchte sie nicht aufgeben. Demnächst plane sie wieder Regatten zu segeln, momentan sei sie aber noch nicht wieder ganz so weit. Eine Option wäre, dass sie bereits zur YES (Young Europeans Sailing) Regatta Anfang Juni startet, Option B wäre die Kieler Woche Ende Juni. Ansonsten wäre ihr großer Wunsch, dass sie wieder zur Warnemünder Woche fit genug ist. „Das ist mein Heimatrevier. Wenn es früher klappt, wäre das toll. Wenn es erst später klappt, ist es aber auch nicht so schlimm. Ich entscheide das relativ spontan.“ Ihr momentanes Ziel lautet daher: Aufs Wasser zu kommen und die Verletzungssaison zu verarbeiten.

Bei wenig Wind muss man viel in der Hocke sitzen und mir fehlen noch fünf bis zehn Grad Bewegungradius

„Ich gebe meinem Körper die Zeit“

„Bei wenig Wind muss man viel in der Hocke sitzen und mir fehlen noch fünf bis zehn Grad Bewegungradius“, erklärt Hannah beim Blick auf das Nebenfeld, hinter dem sich die Ostsee verbirgt. Ansonsten funktioniere der Körper in der Jolle wieder, doch im mentalen Bereich kostet sie ein bestimmtes Manöver noch Überwindung: Abfallen an der Luvtonne. Bei diesem Manöver war der Unfall passiert. Das Bild der Situation schieße ihr nicht mehr in den Kopf, aber die Erinnerung flamme kurz auf. „Es hat sich schon deutlich gebessert. Ich gebe meinem Körper die Zeit“, zeigt sich die Seglerin optimistisch.

Geduld zu haben, musste sie in dem vergangenen Jahr lernen. Als die zweite Operation anstand, haderte sie mit dem Warum, wollte es nicht wahrhaben und war mental wie „in einem eingefrorenen Zustand“, berichtet Hannah. Aus diesem Zustand musste sie sich wachrütteln, um wieder aktiv werden zu können. In einer intensiven Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen gelang es ihr, mit ihren eigenen Erwartungen richtig umzugehen.

Foto: Hannah Anderssohn

Großes Ziel Olympische Spiele motiviert

Nachdem sie im ersten Semester verletzungsbedingt sich vollständig aufs Studium konzentrieren konnte, ist die Laser-Radial-Seglerin nun Sportlerin und Studentin. „Manchmal bin ich in einem Zwiespalt, weil mir beides Spaß macht. Aber das Segeln steht jetzt an erster Stelle.“ Die kommenden Olympischen Spiele seien zwar ein bisschen unrealistisch geworden. Aber die Qualifikation wolle sie trotzdem segeln, um Erfahrungen zu sammeln. So könne sie auch mitverfolgen, wie sich die Trainingsgruppe entwickelt, und die sei ihr wichtig. An ihrem großen Ziel – den Olympischen Spielen – habe sich nichts verändert. „Das hat mir in der Zeit auch ganz viel Motivation gegeben und mich angetrieben.“ Auf ihrem Weg dorthin hat sie sich viele kleine Ziele gesetzt. Für jedes Training ein Ziel.

Bildnachweis Titelfoto: Hannah Anderssohn

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