(Kite)-Surfen im Schutzanzug

von Friederike Hiller

So nah wie die Wassersportler ihrem Element kommen, so nah kommen sie auch seinen Problemen. Ihre Dankbarkeit dafür, dass sie auf dem Ozean so viele wundervolle Momente genießen können, wollen sie ausdrücken und setzen sich dafür ein, dass auch kommende Generationen den endlosen Horizont genießen ohne, dass der Blick dabei auf Plastikteppichen haften bleibt. So wie Kitesurf-Profi Mario Rodwald.

In der Natur ans Limit gehen

Die Sonne geht über Kapstadt auf. Mario Rodwalds Blick fällt aus seinem Fenster direkt auf den Ozean. Keine zehn Minuten später steht der Kitesurf-Profi am südafrikanischen Strand. Während er den Sand unter seinen Füßen spürt und seinen Kite aufpumpt, genießt er die Natur um sich herum. „Das Gefühl, wenn ich im Ozean bin, bekomme ich durch nichts anderes. Es ist das, was für mich den Sinn des Lebens zu einem großen Teil ausmacht: In der Natur ans Limit gehen.“ Daher habe die Natur in seinem Leben ebenso einen hohen Stellenwert wie Familie und Freunde – „auch wenn man es so nicht vergleichen kann.“ Das möchte er sich nicht nur bis an sein Lebensende erhalten, sondern auch für spätere Generationen. „Die Natur gibt mir wahnsinnig viel, daher sollten wir sie so erhalten, wie wir sie vorgefunden haben und mit Respekt und Dankbarkeit behandeln.“

Kiten auf Müll

Achtlos weggeworfene Plastikflaschen liegen am Strand. Heute soll aufgeräumt werden. Doch es kommt niemand mit einem großen Beutel und sammelt alles ein, um den Müll zu entsorgen. Eine Frau nimmt eine Harke und fegt alles ins Meer. Der Strand ist wieder sauber, das Meer eine Müllhalde. Die Teppiche aus Abfall ziehen entlang der Küste, sammeln sich in Buchten. Wo es sich türmt, breitet sich der Gestank aus – atmen fällt schwer. Ungeachtet dessen schwimmen Kinder zwischen dem Müll. Geschockt filmt ein Team des NDR zusammen mit Mario Rodwald diese Szenen auf Indonesien, um mit der Doku „Plastik in jeder Welle“ auf das Müllproblem aufmerksam zu machen.

„Es war schon krass. Indonesien als Wassersportler zu erleben, hat mich schon geschockt“, berichtet der Kieler, der in Rendsburg aufgewachsen ist. „Es gibt kein Bewusstsein, alles wird vor die Tür geschmissen.“ Dann kommt der Regen und schwemmt alles ins Meer. „Mit dem Kiteboard da durch zu fahren war schon traurig.“

Foto: Samuel Tome

„Gefährlich und frustrierend“

Noch zu Teenager-Zeiten habe er die Meeresverschmutzung nicht in dem Ausmaß wahrgenommen. Er war fokussiert auf den Wettkampf. Rückblickend sagt er, dass es auch da bereits an einigen Orten „krass dreckig“ war.

Die Füße sind voller Teer, überall liegen Kanister und Flaschen an Land. Das Bewusstsein, wie es in anderen Teilen der Erde am Meer aussieht, sei heute in den Köpfen von Jugendlichen mehr vorhanden als noch vor ein paar Jahren. Auch bei den Sportlern ist spätestens seit den olympischen Spielen in Rio das Problem stark in den Fokus gerückt. Saubere Wettkämpfe sind nicht mehr nur eine Frage des Verzichts auf leistungsfördernde Substanzen, sondern auch des Austragungsortes und der dort vorzufindenden Wasserverschmutzung.

„Es ist nicht nur gefährlich, es ist auch frustrierend“, fasst Mario die Begegnung mit dem Plastik auf dem Wasser zusammen.

Foto: Samuel Tome

Klare Schönheit gegen Müllteppich

Bildwechsel: Wunderschön klares, eiskaltes Wasser, saubere Strände und ein jubelnder Kitesurfer, der es genießt, zwischen den Eisbergen die Natur hautnah zu erleben. Die atemberaubende Natur Islands in der Eislagune, in der er für den NDR für eine 360 Grad Doku ins Meer ging, gab den Ausschlag nicht nur wunderschöne Bilder einer unberührten Landschaft wie dort vor Ort zu zeigen, sondern auch das Gegenteil, die vermüllten Strände und Plastikteppiche im Meer von Indonesien. Denn das könne etwas bewirken und die Hoffnung bleibt, dass die Strände Islands diese Müllberge nie erleben müssen. In „Plastik in jeder Welle“ geht der Kitesurf-Profi und Europameister nicht nur mit Schutzanzug in Wasser und den Plastikspuren in Indonesien nach, sondern schaut auch an der deutschen Nord- und Ostseeküste, wie es hierzulande um das Umwelt-Bewusstsein steht.

Jeder ist verantwortlich

Das Bewusstsein ist da – wird aber nicht von jedem gelebt. Auch hier wird Müll achtlos am Strand weggeworfen. Mülltüten, Flaschen oder die Keksverpackung. Nach dem Motto: Die Müllmänner werden das schon wieder aufräumen. „Das macht mich traurig und wütend.“ Aber Mario Rodwald hofft auch darauf, dass der Wendepunkt erreicht ist.

Denn es sei auch wiederum schön zu sehen, dass so viele Leute in Deutschland an dem Thema arbeiten, sich dafür einsetzen. Er selbst engagiert sich bei Love it like a local und sammelt Müll an den Stränden. Immer im Frühjahr und Herbst gibt es die Beach Clean Ups. Im Sommer helfen die Kommunen mit und reinigen den Strand professionell. Sich darauf zu verlassen, dass es ein anderer wegräumt, müsse auch aus den europäischen Köpfen verschwinden. Jeder einzelne kann etwas zum Schutz der Meere beitragen. Indem er nicht nur darauf achtete, Müll nicht achtlos herumliegen zu lassen, sondern auch vermeidet, Müll zu produzieren. „Das, was ich tun kann, versuche ich umzusetzen.“ Und das fange bereits damit an, den eigenen Müll vom Strand wieder mitzunehmen und auf die Verpackung von Produkten zu achten. In Afrika sei dies schwieriger als in Deutschland. Da sei häufig noch jedes Stück Gemüse oder Obst in Plastik verpackt. Insbesondere beim Reisen sei der Verzicht auf Plastikverpackungen schwierig, aber machbar.

Keine Plastikverpackungen für Boards

„Plastik wird jetzt hoffentlich demnächst weniger. Ich bin positiv gestimmt, dass das jetzt auch bald in der Industrie ankommt.“ Erste Anzeichen sind sichtbar. So auch im Kitesport. „Wir haben keine Plastikverpackungen mehr bei den Boards“, teilt Mario einen Erfolg mit. Auch werden beispielsweise umweltverträglichere Harze eingesetzt. Die Surfindustrie sei dort bereits ein Stück weiter, doch auch die Kiteindustrie denke nun um.

Wie wird sich das Mirkoplastik in der Nahrungskette in 20 bis 30 Jahren festgesetzt haben und welche Auswirkungen wird das für Tiere aber auch den Menschen haben?

Ruder rechtzeitig rumreißen

Doch nicht nur der Spielplatz Meer soll für die Wassersportler erhalten bleiben. Auch in 50 bis 60 Jahren möchte Mario Rodwald noch an sauberen Stränden liegen können. Und auch die nachfolgenden Generationen sollen noch Wassersport und saubere Natur genießen können.

Fragen wie „Wie wird sich das Mirkoplastik in der Nahrungskette in 20 bis 30 Jahren festgesetzt haben und welche Auswirkungen wird das für Tiere aber auch den Menschen haben?“ schwirren dem Kitesurfer durch den Kopf. Er hofft, dass das Ruder noch rechtzeitig herumgerissen werden kann.

Die Trainingseinheit vor Kapstadt ist vorbei, Mario Rodwald packt zusammen. Sein Blick schweift noch einmal über das Meer. „Hier geht es eigentlich. Das Wasser kommt aus der Antarktis“, die Ströme tragen nicht ganz so viel Müll heran. Noch gibt es sie, die plastikfreien Wellen.

Bildnachweis Titelfoto: Ute Rodwald

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