„Ich kann es, aber anders“

von Friederike Hiller

Die Welle hebt das Board an, Beinmuskulatur und Flexibilität in den Knien halten die Balance auf dem wackeligen Untergrund. Katharina Rüsbüldt findet ihr Gleichgewicht auf eine ganz eigene Art, mit einem Bein und einer Prothese. Aber egal ob ein- oder zweibeinig, Kathy paddelt bei SUP-Rennen mit und war auch beim SUP World Cup in Scharbeutz am Start. Dort führte sie zudem Menschen mit Handicap an den Sport heran.

Foto: Sail United e.V.

In Scharbeutz stand Kathy auf dem SUP, nicht nur um selbst mitzupaddeln, sondern auch um einen Para-SUP-Kurs zu geben. Fünf Leute folgten ihrem Beispiel und ließen sich von ihr und Sonni Hönscheid das Abenteuer Stand up Paddling näher bringen. „Im Vorfeld war ich doch aufgeregt. Ich habe zwar schon Einsteigerkurse mit Schwerpunkt Handicap gegeben, aber in dem Rahmen war das etwas anderes“, erklärte Kathy Rüsbüldt. Das Heimatrevier der Kellinghusenerin ist ein See – auch sie musste sich zunächst an die Ostsee gewöhnen. „Die Teilnehmer konnten unterschiedlicher nicht sein. Jeder hat sein eigenes Handicap und da gilt es, individuell darauf einzugehen. Ziel war es, dass schlussendlich alle paddeln und das haben wir geschafft. Ich danke Starboard für die Unterstützung.“

Foto: Paul Ganse/Starboard

Paddelnd ins Ziel

In Starboard hat Kathy Rüsbüldt einen Sponsor gefunden, der sie fast seit ihrem ersten Paddelschlag begleitet.

2017 wollte sie eigentlich zunächst Kiten lernen, schwenkte dann aber aufs Stand up Paddling um. „Mein Mann kitete, das ist sein Sport“, berichtet sie von ihrer Wahl. Sie wollte SUPen, es war Anfang April 2018 und sie war nach Fehmarn gefahren. Bei einer fünf Grad Celsius kalten Ostsee und im Nieselregen trainiert sie im Anfängerkurs vor Gold. „Ich war nass und durchgefroren, aber es lief ganz gut.“ Der Surfshop Fehmarn sah ihren Ehrgeiz, gab ihr Board und Paddeln mit, damit sie damit zu Hause auf dem See üben konnte und unterstützte sie so auf ihrem ersten Schritt auf dem Weg zu den Rennen. Im vergangenen Jahr startete Kathy zum ersten Mal bei Rennen. Im Juni auf den offenen Deutschen Meisterschaften in Xanten, im Juli zum ersten Mal beim Jedermann-Rennen beim World Sup Cup in Scharbeutz. „Ich bin 15 Minuten nach dem letzten Fahrer ins Ziel gekommen und gefühlt 28 Mal runtergefallen. Ich hatte keine Erfahrung mit Wellen“, berichtet sie. Entmutigen ließ sie sich dadurch nicht, Aufgeben war keine Option. Eigentlich habe sie nur paddeln wollen, doch im Ziel erwartete sie ein großer Empfang.

Von Rennen zu Rennen wurde sie besser, wechselte die Boards und zeigte, dass man auch mit einem Bein stehend paddeln kann. Sie sei eine Inspiration und Bereicherung, sagte man ihr. Ihr Fokus liege nicht auf der Behinderung, sondern auf dem Sport, zollte ihr Florian Brunner, Geschäftsführer Starboard Deutschland, Respekt.

Stolz und Leidenschaft

Ehrgeiz und Leidenschaft waren entfacht. Daher war ihr nächster logischer Schritt, dafür auch andere zu begeistern. Bei Mine Kirstein bei SUP Island auf Föhr machte sie ihren VDWS SUP Instructor. „Ich wollte keine Extrabehandlung, sondern die Prüfung zu den gleichen Bedingungen wie alle.“ Und das, obwohl die Nordsee ihr zeigte, dass sie noch rauer als die Ostsee sein kann. Ablandiger Wind, Strömungen – „ich habe einen Turn geübt und plötzlich war ich weit weg von der Boje“, erzählt sie. Ihre Prothese habe ihr weniger zu schaffen gemacht, vielmehr die Prüfungsangst. „Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe.“

Kräftemessen, Auspowern, Biss

So sind nicht nur ihre eigenen Erfahrungen und Erfolge ihr Ansporn. Sie möchte auch andere motivieren und zeigen, dass SUPen auch mit Handicap möglich ist.

Sie selbst möchte das SUPen nicht mehr missen. „Die Technik, ich lerne jedes Mal dazu, das Wasser unter dem Brett“ und das plätschern, wenn sie schnell fahre, das mache den Sport für sie aus. Dazu zähle auch, sich miteinander zu messen. „Auf dem Wasser versucht jeder, als erstes an der Boje zu sein und zu drehen. Ich möchte gerne SUP-Sportler werden. Wettkämpfe sind meins.“ Zudem nutze sie auch gerne den gesundheitlichen Aspekt, den das SUPen biete. „Kannst du nicht, gibt es nicht. Ich kann es, aber anders. Ich paddel total gerne. Es ist das Kräftemessen, Auspowern, der Biss.“

 

Neues Gleichgewicht

Das Gleichgewicht auf dem Board zu halten fordere sie ganz anders heraus. So lerne sie die Prothese anders zu belasten. Da ihr ein ganzes Bein fehlt, seien Passagen mit der Welle von der Seite schwierig. Wellen von hinten seien kein Problem, da könne sie auch die Surfposition einnehmen. Wenn die Welle nicht zu groß ist, sei auch eine auf sie zurollende Wellenbewegung machbar. Nur direkt von der Seite werde es schwierig. Wenn sie den Kniewinkel in der Prothese verändere müsse sie aufpassen, denn wenn der Winkel zu stark werde, knicke das Bein weg. Daher sei es nicht nur wichtig, die Balance zu halten, sondern auch die Prothese und ihre Eigenschaften in der Welle gut zu kennen.

Foto: SUP Michel

Anerkennung durch Leistung

„Es ist meine Leidenschaft. Und mein Mann steht hinter mir.“ Er unterstütze sie nicht nur ab und zu beim Training sondern auch mental. „Ich bin stolz, glücklich und dankbar, dass man es mir zutraut und mich ernst nimmt und mich nicht auf mein Handicap reduziert.“ Durch ihre Leistung habe sie die Anerkennung bekommen.

Bildnachweis Titelfoto: Rüsbüldt

Deutschen Meisterschaften Long Distance 12 km.

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