Segeln ist zugleich weiblich und männlich

von Friederike Hiller

Was macht Segeln aus? Wind, Welle, Speed, das Spiel mit den Elementen und das Gefühl der Freiheit. Und das ist weder männlich noch weiblich. Warum dann all die Klischees? Mehrere Mädels segeln auf einem Kielboot zusammen eine Regatta. Klingt eigentlich nicht spektakulär – eigentlich. Staunende Blicke, abwertende Bemerkungen, aber auch Anerkennung für erbrachte Leistungen: obwohl es doch einfach nur „normal“ ist. So wie es die Regattaszene bereits seit Jahren zeigt. Was der Leistungssport vormacht, muss in den Köpfen einiger Fahrtensegler erst reifen – und zwar auf allen Seiten, denn Klischees sind nicht rein männlich. Auch in den weiblichen Köpfen, sind Rollenbilder und –vorstellungen vorhanden. Dabei geht es doch eigentlich gar nicht ums Geschlecht, sondern um Wind, Wellen und Sport – halt einfach Segeln.

Segeln im Leistungsbereich

„Im Leistungssportbereich der olympischen Segeldisziplinen gibt es unverändert einen hohen Anteil an Frauen. Wenn wir in die ORC-Klassen schauen, so segeln mit der „Tutima“ und der „Hotquito“ zwei reine Frauenteams erfolgreich mit. Auch in Kielboot-Einheitsklassen segeln reine Frauenteams“, fasst Nadine Stegenwalner, Sportdirektorin Deutscher Segler-Verband, die Situation zusammen. „Generell beobachten wir im Ausland eine Zunahme weiblicher Athleten – es bestehen unter anderem Programme zur Förderung von Frauen im Hochleistungssport in muslimisch geprägten Ländern. Ob die neue Mixed-Disziplin (Nacra 17) tatsächlich mehr Frauen in den olympischen Segelsport lockt, lässt sich nur vermuten.“

Foto: Sven Jürgensen

20 Jahre am Steuer

„Angefangen habe ich mit sechs Mädels auf einer J24 (vom Mühlenberger Segel Club aus Hamburg). Lange Zeit waren wir das einzige deutsche Frauenteam. Sogar auch auf Europa- und Weltmeisterschaften“, erklärt Kirsten Harmstorf-Schönwitz, die seit über 20 Jahren ausschließlich eine Frauencrew skippert. Zwar sei eine J24 noch kein Dickschiff, aber immerhin die weltweit größte Kielboot-Einheitsklasse, ergänzt die Skipperin. 2006 wechselte „Kirsche“, wie sie an Bord genannt wird, in die Dickschiff-Szene. „Das hat dort auf jeden Fall Aufsehen erregt, denn es gab viele Jahre keine Frauencrew in der Big Boat Szene“, so die Seglerin, die heute die „Tutima“ erfolgreich durch die Regatta-Szene steuert.

Foto: Friederike Hiller

Weibliche Konkurrenz

Es war das sprichwörtlich kalte Wasser in das sie und ihre Crew sich selbst mit dem Projekt geworfen haben. „Es war ziemlich aufregend, wir kannten kaum Leute, die wir um Rat fragen konnten.“ Learning by doing – war ihr Motto. „Das funktionierte sehr gut.“ Auch wenn der ein oder andere männliche Gegner die Frauenkonkurrenz nicht so richtig ernst nahm, wurde er bald eines Besseren belehrt. „Als wir die Szene langsam kennenlernten, haben wir unglaublich viel Unterstützung bekommen und das hat sich bis heute zum Glück nicht geändert.“

„Viele Frauen gibt es in der Dickschiffszene leider noch immer nicht“, wünscht sich „Kirsche“ mehr weibliche Konkurrenz. Selbst in Mixed-Crews gebe es verhältnismäßig wenig Mädels. Mal seien ein bis zwei mit an Bord. „Immerhin gibt es seit 2016 ein zweites deutsches Mädels-Team („Hotquito“) - allerdings segeln wir leider nicht gegeneinander, da wir in unterschiedlichen Gruppen starten.“

Foto: Friederike Hiller

Am Ruder kleben geblieben

Beständigkeit, enormer Teamgeist, Vertrauen und Zusammenhalt, das macht die Tutima-Crew aus. „Wir segeln quasi mit Freundinnen. Der Spaß daran pusht uns auch erfolgreich zu sein.“ Der einzige Nachteil einer reinen Frauencrew sei höchstens, dass einige Frauen aufgrund von Schwangerschaften ausfallen. „Zum Glück sind die Männer auch meist Segler und unterstützen ihre Frauen dabei und passen auf die Kinder auf, damit Mama mitsegeln kann.“ Die Skipperin kann sich glücklich schätzen, dass sie auch keine Problem damit hat, Nachfolgerinnen für die Schwangeren zu finden.

„Kirsche“ ist zwar mit Segeln aber ohne Rollenklischees an Bord aufgewachsen. „Ich bin schon im Bauch meiner Mutter mitgeschippert - von daher ist mir das schönste Hobby der Welt mit in die Wiege gelegt worden. Zum Glück gab es bei uns an Bord nicht die „klassische" Rollenverteilung“: Der Mann steht am Ruder und kommandiert Frau und Kinder. Meine Mutter hat meistens die An- und Ablegemanöver gesteuert und später mein Bruder oder ich. Meinem Vater war es immer wichtig, dass wir alle mit dem Boot umgehen können und jederzeit wissen was zu tun ist, falls ihm mal auf See etwas passieren sollte.“ Früh wurde Kirsten ans Ruder gestellt, hat an der Position gefallen gefunden und ist dort „kleben“ geblieben. „Von anderen Fahrtenseglern wurde das erstaunlich oft leicht irritiert beobachtet, aber durchaus positiv aufgenommen. So kamen oft Leute zu uns ans Schiff, um das fast schon bewundernd zu kommentieren.“ Richtig verstanden, hat sie das nicht, denn für sie war es völlig normal. „Aber ich merke ja noch heute die Reaktion von Außenstehenden. Die staunenden Blicke, wenn eine Frau den Anleger fährt. Und erst recht, wenn die komplette Crew aus Frauen besteht.“

Foto: Friederike Hiller

Kalb mit drei Köpfen

Die Blicke kennt auch Annette Kilch, die Segel- und Skipperinnen-Trainings für Frauen anbietet. „Boah, geil endlich mal eine Frau am Steuer“, so reagiert die ein oder andere Frau, wenn Annette Kilch vorbeigeschippert kommt. Der Anblick führe häufig noch zu Verwunderung. „Man wird angeschaut wie ein Kalb mit drei Köpfen“, lacht sie. Insbesondere, wenn sie ein größeres Boot steuere.

Der Wind bläst stark, Annette Kilch ist mit einer Frauencrew unterwegs und kommt gerade in den Hafen. Sie steuert die 42 Fuß Yacht. Kaum wurde sie erblickt, stellen sich alle anwesenden Segler in die Cockpits ihrer Schiffe und schauen interessiert zu. Die erste Box, die Annette Kilch ansteuert, ist zu klein, die zweite passt. Der Motor röhrt, die Skipperin will ihn erst ausschalten, wenn das Boot auch für die erwartete stürmische Nacht fest vertäut ist. Die Mittelspring ist gelegt, Ruhe kehrt ein. Doch nicht lange, denn nun brandet Applaus einer Altherren-Männer-Crew herüber. Hätte eigentlich nur gefehlt, dass sie noch am Steg gestanden und mit guten Ratschlägen ihr eigenes Wissen zum Besten gegeben hätten. Doch da stand eher ein hilfsbereiter Däne, der ohne viel Aufhebens die Leine entgegen genommen hatte. „Das Belehrende ist ein deutsches Phänomen“, vermutet Annette Kilch. Für den Dänen waren segelnde Frauen etwas ganz normales.

Foto: Friederike Hiller

Das Bild wandelt sich

Egal ob auf der Ostsee, dem Mittelmeer oder der Karibik: Annette Kilch begegnet meistens Paaren, Männer-Crews oder Chartergemeinschaften. „Einer hat angefangen zu segeln und der andere hat sich entweder mitreißen oder sich unter Druck setzen lassen“, berichtet sie lachend von der Konstellation „segelnde Paare“. Doch egal, ob nun von Seiten der Frauen das Interesse besteht, aktiv mitzusegeln, das Können sollte allemal vorhanden sein – auch im Interesse der Männer, so Kilch. „In 95 Prozent der Fälle geht der Skipper über Bord, dann wissen die Frauen nicht, wie sie den Mann wieder an Bord oder in den nächsten Hafen kommen.“

Dabei gebe es mehr Eignerinnen als man denke. Diese sind allerdings eher auf den kleineren Dickschiffen von 17 bis 28 Fuß zu finden. Und dann segeln sie eher mit einer Freundin zusammen. Doch das Bild wandelt sich, wenn auch langsam, aber kontinuierlich.

Bildnachweis Titelfoto: Sven Jürgensen

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