Gewicht nach Lee – oder Luv?

von Friederike Hiller

Feierabend, alle Frauen an Bord: Es ist Mittwochabend und Trainingszeit für die DSV Rookie Crew auf der Alster. Es bleibt den vier Fahrtenseglerinnen nur wenig Zeit, um in den Regattmodus zum kommen. Im 2. Teil der Serie über die Seglerinnen geht es um feierabendliche Lee-Luv-Schwäche und das Gespür für den richtigen Druck.

Nachdem ein paar wärmere Tage dafür gesorgt haben, dass das Eis nicht mehr dauerhaft über Deck der J70 fliegt, beginnen die vier Frauen wieder mit dem regelmäßigen Segeltraining. So viel Zeit bleibt den Regattaneulingen nicht mehr, um sich auf die erste Frauenregatta – den Helga-Cup im Juni - vorzubereiten.

Welcher Wind?

„Gewicht nach Lee“, doch meinte sie wirklich Lee? Skipperin Marion Köhler muss zweimal nachdenken, bevor sie sich sicher ist. Auch die Crew braucht etwas mehr Zeit als gewöhnlich, um das Kommando umzusetzen. Eine Lee-Luv-Schwäche hat sich auf der J70 breit gemacht. Die Köpfe sind so kurz nach dem Ablegen noch mit den letzten Ereignissen des Arbeitstages beschäftigt. Die Gedanken kreisen um den Job, nicht das Segeln. „Wir müssen erst einmal Platz schaffen im Kopf. Das Umschalten fällt uns schwer“, berichtet die Skipperin. Der Wind hilft dabei, den Kopf freizupusten. Zumindest theoretisch, denn mit einem Blick ins Segel bleibt die Frage: „Welcher Wind?“

Foto: DSV Rookie Crew

Neue Herausforderung

Es ist Flaute auf der Alster – nicht in Gänze und mit dem Resultat, dass gar nichts mehr geht – aber der Wind auch nicht mehr als ein laues Lüftchen daherkommt. Eine neue Herausforderung für die Crew, denn richtig wenig Wind waren sie bisher noch nicht gewöhnt.

Nicht viel Wasser hat Anke bisher in Afrika gefunden.

Foto: Anke Teschner

Ist der Rückstand aufzuholen?

Da Trimmerin Anke Teschner noch im Urlaub in Afrika weilt, übernimmt Trainerin Luisa Krüger vom HSC die vierte Position an Bord. Für Taktikerin Barbara Weselmann ist es das erste Training auf der J70. Eine schwierige Konstellation für das erste Alster-Segeln in diesem Jahr. „Ab diesem Jahr müssen wir das Schiff chartern. Es liegt fest beim HSC“, berichtet Marion.

Etwas mulmig ist ihr, wenn sie daran denkt, dass das Team noch zu wenig Zeit in seiner vollständigen Regattakonstellation gesegelt ist. „Es ist nicht gut, wenn wir nicht in kompletter Crew trainieren. Dann gibt es einen Rückstand, der schwer aufzuholen ist. Das Training der Abläufe und das wichtige „Hand in Hand“-Arbeiten sind unterbrochen.

Anke hält sich mit Paddeln fit.

Foto: Anke Teschner

Langsam und mit Gefühl

Vorbereiten zur Wende: Zack und rüber ist allerdings bei wenig Wind nicht die richtige Strategie. „Ganz langsam, ganz sachte“ erfolgt der Seitenwechsel. „Es fällt uns schwer, den richtigen Zeitpunkt für die Wende zu finden“, erklärt Marion. Gewichtstrimm und Timing sind entscheidend, um in der Rollwende möglichst viel Schwung mitzunehmen. Nach mehreren Übungsstunden klappt es ganz gut. Auch der sensible Gewichtstrimm des Vorschiffs beim Vorwind-Kurs läuft immer besser. Nina Hertling hat sich auf dem Vorschiff positioniert. Ihr Blick geht gen Heck. Mit ihrer Gewichtsverlagerung achtet sie darauf, das Schiff gerade zu halten. Auf der Kreuz bedarf es da mehr Absprachen. „Den Gewichtstrimm machen in erster Linie Barbara und Nina“, so die Steuerfrau. Sie müssen ständig im Gespräch sein, wer was macht. Ein bisschen ratlos steht Marion an der Pinne. Soll sie einen der beiden direkt ansprechen? „Barbara, Gewicht nach Lee“. „Nein, lass die beiden das untereinander regeln“, gibt Luisa Tipps. Ein klares „Mach ich“ oder „Ich muss hier noch aufklaren“ macht den Ablauf geschmeidig. So wird verhindert, dass sich beide mit großen Augen anschauen und nichts weiter passiert.

Foto: DSV Rookie Crew

Auf Winddreher reagieren

Marion konzentriert sich wieder auf das Steuern. „Mir fällt es immer noch schwer, nach der Wende am optimalen Punkt rauszukommen“, erklärt sie. Den Druck auf der neuen Seite spüre sie noch nicht genug. So passiere es, dass sie zu weit abfalle oder fast im Wind stehe. Also schult sie ihre Aufmerksamkeit und ihr Gefühl für den Druck, Wende für Wende. Und der Zeitpunkt für diese richtet sich nicht an der Strecke aus, sondern muss an die Tücken der Alster angepasst werden. Winddreher von bis zu 30 Grad und Windlöcher müssen nicht nur erkannt werden, sondern erfordern auch eine schnelle Reaktion. Marions Blick richtet sich auch auf das Wasser. Wo kräuselt es sich, wo nicht. Die Fock fällt leicht ein. Ohne große Ankündigung leitet Marion die Wende ein, um den Winddreher mitzunehmen. Das hat wunderbar geklappt. Weiter geht’s.

Foto: Sven Jürgensen

Start ins Tonnentraining

Der Gennaker soll gesetzt werden. „Du musst explodieren, beherzt und schnell agieren“, lautet Luisas Anweisung für Nina und ist zufrieden als der Gennaker reibungslos steht. „Das klappt schon viel besser“, freut sich auch Marion. Die Manöver gehen den Frauen immer besser von der Hand. Es wird Zeit, in den Regattamodus zu starten. „Wir müssen ganz dringend Tonnen und Starts segeln.“ Sie wollen ein Gefühl für die Distanzen bekommen und „was eigentlich diese zehn Minuten sind, die man als Rennzeit hat.“ Sich Tonnen nur vorzustellen und um diese imaginären Tonnen zu segeln, sei nicht das Gleich wie echte Tonnen auszulegen. „Das erzeugt nicht den gleichen Druck.“ Daher ist nun Tonnentraining angesagt. Luisa wird heute die Crew bei ihrem nächsten Segeltraining auf der Alster mit dem Motorboot begleiten. Danach sind die Seglerinnen erst einmal auf sich gestellt. „Dann müssen wir auch mal alleine Entscheidungen treffen und Fehler machen“, so die Skipperin, die sich aber auch auf die Zeit freut, denn „aus den Fehlern lernen wir viel.“

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