Vom Masten- zum Energien-Tüftler

von Friederike Hiller

Was macht ein Altmeister, der noch mit 58 Regatten gesegelt ist, wenn er dem Regattasport den Rücken kehrt? Er geht foilen und repariert seinen ökologischen Fußabdruck.

Vor sechs Jahren, mit 58, ersegelte sich der zweimalige Starboot-Weltmeister noch einmal in dieser Bootsklasse den Deutschen Meistertitel auf dem Möhnesee. Heute hat er endgültig die Regattasegelei hinter sich gelassen. Doch die Leidenschaft für den Wassersport lebt er weiter aus.

„Wenn die Bedingungen stimmen, bin ich weg“

„Mit dem Regattasegeln habe ich fast vollständig aufgehört. Das wäre zu aufwendig und zeitintensiv“, erklärt der Hamburger Alexander Hagen. „Früher bin ich zu Trainingszwecken und aus Leidenschaft viel zum Windsurfen gegangen. Einmal, auf Fuerteventura, bin ich sogar im Weltcup angetreten und war im Heat gegen Robby Naish.“ Doch auch wenn heute der Wind bläst, ist Alexander Hagen nicht zu halten. Zwar steigt er dann weder ins Boot noch aufs Windsurfbrett, dafür schnappt er sich sein Kitesurfmaterial. „Wenn die Bedingungen da sind, dann wissen alle, die Firma und meine Familie sowieso, dann bin ich weg, dann bin ich in Heiligenhafen oder Großenbrode zum Foilen. Bei Ostwind auch mal in Niendorf am Hafen mit dem Waveboard unterwegs.“

Kiten bis ins hohe Alter

Das Foilen habe einen ganz neuen zusätzlichen Kick in sein Leben gebracht. Neues zu lernen, ist ganz nach seinem Geschmack. „Ich behaupte, die Manöver zu beherrschen, ist das Schwierigste, was ich je anpacken durfte, eine echte Herausforderung.“ Bereits Ende der 90er Jahre versuchte er sich von einem Schirm auf dem Windsurfer ziehen zu lassen. Sein erstes Material kaufte er in Holland – in Deutschland gab es das noch nicht. Und dann kamen die Foils. „Das Foilen ist die Krönung und man kann endlich auch mal weit nach Luv fahren. Man kann praktisch zum Kaffeetrinken an den übernächsten Strand fahren oder ins nächste Dorf und man kommt auch wieder zurück.“ Und das beste daran sei, dass er diesen „großartigen Sport“ bis ins hohe Alter betreiben könne, da „die Skills rein technischer Art“ seien. Kraft brauche es keine. „Ich bin nebenbei gespannt, welches olympische Format man sich für die Spiele 2024 ausdenkt. Für mich ist das nichts mehr.“ Und so sitzt er in seinem T3 „El Busso“ am Strand und genießt die Freiheit und Entspannung des Wassersports. „Ich bin froh, den Regattastress hinter mir zu haben.“

Ich habe regelrecht Gefühle, wenn ich an dieses Auto denke

El Busso als treuer Begleiter

„El Busso“ hat heute 280.000 Kilometer auf dem Tacho. Das seien weitestgehend Segel-Kilometer mit Bootsanhänger. „Alles war mit Reisen verbunden, häufige Interkontinentalflüge. In Europa ging es ständig in den Süden, zum Gardasee, nach Barcelona und im Extremfall mit dem Auto bis nach Lissabon.“ Über drei Jahre lang war El Busso der treue Gefährte von Alexander Hagen. „Wir geben uns gegenseitig das Gnadenbrot sage ich immer zu El Busso.“ Noch heute ist er gerne mit ihm unterwegs. „Ich habe regelrecht Gefühle, wenn ich an dieses Auto denke.“

Unzählige Flugstunden

Seine Flugstunden habe er zwar nie gezählt, aber seit den 80er Jahren, als er das Starboot-Segeln für sich entdeckte, sei einiges zusammengekommen. Damals lud Heinz Nixdorf den deutschen A-Kader ein, mit ihm nach Mallorca zu fliegen. „Er lernte von uns die Tricks des Regattasegelns und wir von ihm die Disziplin, die wir gebrauchen konnten, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Schon 1980 flogen wir das erste Mal in die Hochburg der Star-Klasse, die USA, und ernteten die frühen Früchte dieses Wintertrainings. Unsere Karriere ging weiter. Schon im nächsten Jahr schafften wir den Hattrick: Deutscher- , Europa- und Weltmeister.“

Wem nützt die ganze Segelei eigentlich, außer meinem persönlichen Ego

Mastenreparatur als Geschäftsmodell

Und so ging es jahrelang weiter. „Wenn ich ehrlich bin, dann lag es auch an meinem Geschäftsmodell.“ Der Hamburger hatte sich die Vertriebsrechte für amerikanische Masten gesichert. „So hatte ich immer eine Kiste voll Ersatzteilen und ein paar Masten zusätzlich auf dem Trailer.“ An windigen Tagen hatte er alle Hände voll zu tun. Denn während die anderen bereits regenerierten, kümmerte er sich um die gebrochenen Master der Konkurrenten.

Erst mit 50 Jahren kam die Erkenntnis: „Wem nützt die ganze Segelei eigentlich, außer meinem persönlichen Ego.“ Alexander Hagen hatte längst alles gewonnen, ihm fehlte nur noch eine olympische Medaille. „Aber dafür war ich inzwischen zu alt geworden. Und überhaupt: Wie war es denn um meinen Environmental Footprint bestellt. Meine persönliche CO2-Bilanz war katastrophal angesichts der vielen weltweiten Reisen.“

Den Spieß umgedreht

So sollte es nicht weitergehen. Der Hamburger verkaufte seine beiden Starboote und begann Photovoltaikanlagen zu bauen. „Durch den Leistungssport lernt man, sich enorm zu disziplinieren und zielorientiert zu arbeiten. Ganz nebenbei stellte ich fest, dass man auf dem Dach ähnlich den Naturgewalten ausgesetzt ist, wie auf dem Wasser, man die selben Werkzeuge benutzen kann, wie im Mastenbau und dort oben eine ganz ähnliche freiheitliche Atmosphäre herrscht.“ Auch schwierige Windlasten waren für den Segler kein Problem. „Wir haben ganz eigene Techniken entwickelt, damit unsere Anlagen nicht wegfliegen.“ Somit spart er seit Jahren CO2 ein. Mit jeder Anlage, die seine Firma anschließt, verbessert er seinen ökologischen Fußabdruck. „Ich glaube, es ist gelungen, den Spieß umzudrehen.“ Er denkt aber bereits schon weiter, in Richtung E-Mobilität. Einiges ist bereits erreicht, anderes wie E-Cars zu einer Schwarm-Großbatterie zu vernetzen noch eine Vision. „Das ist alles noch digitale Zukunft, aber es macht Spaß, daran zu arbeiten.“ Der Tüftler der Masten ist zum Tüftler in Sachen erneuerbarer Energien geworden.

Bildernachweis: Alexander Hagen

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