Wenn die Seekuh mit dem Elefanten Plastik hamstern geht

von Friederike Hiller

In fünf Meter Wassertiefe schweben sie dahin, die Mikroplastikteilchen. Eine Probenentnahme schockiert. Noch 2013 hatte die Plastikkonzentration an derselben Stelle und in derselben Tiefe 79 Prozent ergeben. Jetzt sind es beinahe 90 Prozent. „Die Tendenz ist ungut“, kommentiert Günther Bonin vom Umweltschutz-Verein One Earth One Ocean. Er ist der Erfinder von Seekuh, -hamster und –Elefant. Sie sind Katamarane mit Netzen, die Plastikmüll fischen und in diesen auch in Zukunft zu Öl weiterverwerten sollen.

Maritime Müllanfuhr und -verwertung

Die Sonne scheint. Das ist das Zeichen für die grünen Bewohner des Sees. Mit dem Wunsch, möglichst viele wärmende Sonnenstrahlen abzugreifen und so zu wachsen, kommen sie an die Wasseroberfläche. Kuhfladen große Brocken treiben umher. Die Touristen hält der Anblick davon ab, ins Wasser zu gehen.

Langsam tuckert der Seehamster umher und sein engmaschiges Netz nimmt die Algen mit. Günther Bonin befreit so den Germeringer See von seinem Touristenübel. Ein Konzept, dass er auf Ozeane und ihr größtes Problem – den Plastikmüll - übertragen hat. Somit entwickelte er, was am bayrischen See mit dem Seehamster begann, zur größeren und kapazitätsreicheren Seekuh weiter. Jetzt soll der See-Elefant folgen. Dieser soll nicht nur Plastikmüll aus dem Meer fischen, sondern an Bord auch gleich den Plastikmüll in Öl verwandeln.

Die Idee zur „Maritimen Müllabfuhr“ kam dem passionierten Segler Günther Bonin bei der Überführung der „Samarkand“ von Vancouver Island nach San Diego vor etwa zehn Jahren. Auf dem Weg passierten sie den Müll eines Frachters. Plötzlich schwamm ringsherum der Abfall. Ein prägnanter Kontrast zu der eleganten Yacht aus dem Jahr 1957, in der Bonin in derselben Koje schlafen konnte, in der bereits Berühmtheiten, wie Marilyn Monroe, genächtigt hatten.

Eine Erde, ein Ozean

Und da der Bayer keine Lust mehr auf seine IT Firma und mehr Lust auf etwas Neues hatte, sattelte er um und gründete die Umweltschutz-Organisation One Earth One Ocean. Vor zehn Jahren wurde er für seine Idee der Maritimen Müllabfuhr noch ausgelacht, mittlerweile trifft es genau den Zeitgeist. „Wir trampeln einfach vorne weg. Das wir dabei Enttäuschungen erleben werden, ist normal. Aber wir haben Visionen.“ Nach dem Prinzip „Learning by doing“ geht es voran. Zäh und mit Ausdauer arbeiten Bonin und die Mitarbeiter und Freiwilligen an ihrem Ziel. „Mir macht die Arbeit Spaß“, so der Gründer, der seine Idee als simpel bezeichnet. Der Katamaran klappert auch mal, ist kein Müllschlucker mit futuristischem Design – einfach ein Boot mit Netzen. Und so kann es auch in allen Ländern der Welt bedient werden. „Ich bin nicht Einstein“, kokettiert Bonin.

Mit einem kleinen Seehamster wird momentan in Kambodscha Müll gesammelt. Mit seinem größeren Bruder, der Seekuh, in Hongkong.

Müllsammeln nicht nur für einen guten Zweck

Ebenso einfach, wie die Konstruktion der Seekuh ist auch der Ansatz hinter dem Konzept. In den Ländern der Welt, in denen Menschen darum kämpfen, ihre Familie zu ernähren, muss Naturschutz für sie einen Sinn ergeben. Also beispielsweise, indem sie für den gesammelten Müll Geld bekommen, mit dem sie sich Brot oder Wasser kaufen können. „Sie bringen das gesammelte Plastik zu einer Waage und da Plastik leicht ist, müssen sie viel sammeln“, erklärt der Segler.

Foto: Frank Brodmerkel

Kein Geld wegschmeissen

Der Müll werde dort vor Ort nur als Abfall gesehen, erklärt Lennart Rölz, Schiffsbauer und Mitarbeiter von OEOO. Seit Anfang März sitzt er in dem neuen Büro am Seefischmarkt in Kiel. Sobald der Müll Geld bringe oder gar als Rohstoff gesehen werde, werde er nicht einfach so weggeworfen. „Wenn sie es verstehen, werden sie auch kein Geld wegschmeißen.“ Viel Energie stecke in dem drinnen, was aus dem Ozean gefischt werden kann. Etwa eine Tonne Plastikabfall könne 900 Liter Öl ergeben. Daher arbeitet Lennart Rölz an einem Konzept, wie eine Müllverwertung auf dem See-Elefanten funktionieren kann.

Wie müssen die Schiffe ausgestattet sein? Welche Materialen werden gesammelt? In welchem Zustand sind sie und wie lassen sie sich am besten verwerten? Wenn Plastik lange im Wasser gelegen hat, ist es besiedelt von Organismen, wie beispielsweise Seepocken. Was muss passieren, damit das Plastik aufbereitet und verölt werden kann?

Foto: Friederike Hiller

„Waters have no borders“

Eine Herzensangelegenheit für Lennart Rölz. Als leidenschaftlicher Taucher treffe er beispielsweise im Indischen Ozean vor Sri Lanka auf mehr Plastik als Fische.

Aber eigentlich müsse man gar nicht so weit weg schauen. Die Probleme zeigen sich auch in der Nebensaison beispielsweise an den Stränden in Portugal und Spanien. Dort pflastern Plastikflaschen, Styroporbehälter, Fischernetze und Plastiktüten den Strand. Aber auch vor der Haustür bieten sich Möglichkeiten selbst aktiv zu werden und etwas gegen die Meeresverschmutzung zu tun. Denn „Waters have no borders“, wie Günther Bonin erklärt. Und somit ist die Verschmutzung nicht nur ein Problem beispielsweise der asiatischen Ländern, sondern ein Weltproblem, das nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden kann.

Mittlerweile wird bei vielen Müll-Sammelaktionen am Strand, wie vor kurzem auf Sylt, das gesammelte Material analysiert. „Wenn alles registriert wird, wird ersichtlich, wie viele Tonnen auf der ganzen Welt gesammelt werden.“

Weg von der Wegwerfgesellschaft

Wissenschaftler rechnen damit, dass 2050 drei Prozent weniger Sauerstoff in den Meeren sein wird. Die Meere sind mit einer der wichtigsten Sauerstofflieferanten für unseren Planeten. Wenn die Sauerstoffkonzentration unserer Atmosphäre von 22 auf 17 Prozent sinkt, dann breche alles zusammen. Daher müsse nicht nur jeder einzelne schauen, wie er Müll vermeiden und zu sauberen Meeren beitragen kann, sondern auch die Industrie mit eingebunden werden. „Die Industrie ist Teil des Problems, daher muss sie auch Teil der Lösung sein.“ Weg von der Wegwerfgesellschaft. In Europa seien wir verpackungstechnisch relativ weit, aber in Asien sehe es anders aus. Da muss ein Apfel nicht aussehen, wie ein Stück Obst sondern wie ein Geschenk und dementsprechend, mehrfach eingepackt sein.

Kinder sind wichtige Multiplikatoren

Daher ist es wichtig, die Menschen aufzuklären. So ist Bildung beispielsweise auch ein großer Bestandteil des Seehamster Projektes in Kambodscha. Dort wird mit Hilfe des Seehamsters der stark verschmutzte Sangkae River in Battambang gereinigt. Zudem wurde ein Kindergarten neben einem Müllhaufen gebaut. Für das Sammeln von Müll gibt es Essen. Und vor Ort ist bereits die Infrastruktur in Form einer Deponie vorhanden.

Dass Kinder wichtige Multiplikatoren sind, zeigt auch ihre Mitarbeit am Seekuh Comic. „Sie haben Ideen und sind kreativ.“ So wurde in den Comic-Zeichnungen die Seekuh als U-Boot gemalt.

Bildernachweis: One Earth One Ocean

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