Allein im Boot

von Friederike Hiller (Kommentare: 1)

Schlafdefizit, zermürbende Flaute und ein großes Durchhaltevermögen: Lena Weißkichel hat bei ihrer Einhand-Premiere bei der Silverrudder Regatta es zwar nicht mehr ins Ziel geschafft, ist aber trotzdem zufrieden. Denn der ein oder andere erfahrene Einhänder hatte bereits aufgegeben.

Foto: Max Gurgel

Eigentlich zeigte sich der Wind zu Beginn zwar schwach aber segelbar. Aus Svendborg raus, ging es auf die Strecke rund um Fünen. Sechs bis acht Knoten Wind verzeichnete Lena Weißkichel im großen Belt. Sie zog den Gennaker Baum auf dem Mini nach Luv und konnte so fast wie mit einem Spinnaker fahren. „So konnte ich auch mit den Spinnaker-Booten mithalten.“ Ein Lotteriespiel mit der Windrichtung hielt die Aufmerksamkeit hoch und in der ersten Nacht, richtete sie sich so ein, dass sie zwischen den Wenden kurz einnicken konnte. Als Gegenstrom viele Boote abbremste, einige ankerten, um sich nicht in der Gegenrichtung wieder zu finden, nutzte sie ihre geringere Tiefe und bahnte sich durch das flachere, weniger strömungsanfällige Wasser den Weg weiter nach vorne. Dann schlief der Wind ein. Lena verpasste eine Böe. „Ich war ein bisschen auf der falschen Seite.“ So stand sie zwei Stunden in der Flaute. „Ich wollte nicht aufhören und habe daran geglaubt, dass ich es schaffen kann.“

Foto: Lena Weißkichel

Nervenaufreibende Szenen

Nur ein kleines bisschen zeigte sich der Mond, es war stockdunkel. Etwa 50 Boote tummelten sich im engen Fahrwasser bei der Insel Bågø. Die Anzeige des Akkustandes vom Handy bereitete Lena sorgen. Mit dem Handy navigierte sie. Es war ihre einzige Möglichkeit, GPS bezogen zu navigieren. „Es war nervenaufreibend.“ Und dann erlebte sie ihre wohl prägendste Einhanderfahrung. „Ich bin im Cockpit eingeschlafen. Mein Körper konnte nicht mehr“, berichtet sie. Als sie wieder aufschreckte, stellt sie fest, dass sie viel zu tief gefahren war. Schnell holte sie den Gennaker runter und korrigierte den Kurs. „Danach war ich ordentlich wieder wach.“ Das half ihr allerdings nicht im Nebel vor der Insel Lyø. „Fast wäre ich von einer Fähre überfahren worden.“ Nach und nach sickerte auch der Gedanke durch, es nicht im Zeitlimit ins Ziel zu schaffen. Letztendlich wurde sie das letzte Stück geschleppt.

Mit Schlafstrategie zu neuen Herausforderungen

Foto: Lena Weißkichel

„Ich bin sehr zufrieden mit der Regatta, obwohl ich nicht ins Ziel gekommen bin“, blickt Lena trotzdem positiv zurück. Zum einen habe sie Erfahrungen sammeln könne und zum zweiten nicht so schnell aufgegeben. „Andere haben bereits nach der Hälfte aufgegeben.“ Und die Lust am Einhandsegeln ist eher noch gestiegen. „Es ist cool, ganz alleine Entscheidungen zu treffen. Es ist zwar mit Aufregung verbunden, aber auch eine tolle Herausforderung und ich freue mich, wenn ich noch mehr Regatten so segeln kann.“ Dann würde sie sich auch vertrauter mit dem Boot machen können. „Ich hatte es mir nur für die Regatta ausgeliehen.“ Sich mehr mit dem Boot auseinanderzusetzen, nehme sie auch als Erfahrung aus der Silverrudder mit. „Bei welchem Wind kann ich welches Segel fahren“, diese Erkenntnis würde schon viel bringen. „Das hat gefehlt, aber ich habe das Boot bis dahin auch nur einmal länger auf der Überführung nach Svendborg gesegelt.“ So ist sie nun nach der Regatta eigentlich bereit für die Regatta. Und noch etwas gilt es für zukünftige Einhand-Events mitzunehmen. „Ein wichtiger Punkt ist das Schlafmanagement.“ Dazu zähle eine Schlafstrategie zu entwickeln, gut einschlafen zu können und das optimale Schlaffenster zu finden.

Foto: Max Gurgel

Mini-Transat und Olympiakampagne

Für die Zukunft hat Lena die Mini-Transat 2023 im Blick. „Es ist eine super spannende Geschichte und ich habe voll Bock drauf.“ Nun hoffe sie, dass sie einen Sponsor mit Mini – sie liebäugelt mit einer Pogo 3 - findet. Dann könnte sie sich auch vorstellen, Segelpartnerinnen beim Training mitzunehmen, die in die Szene hineinschnuppern wollen. Um mehr Frauen zum Shorthanded-Offshore-Segeln zu bringen. Neben der Kampagne startet sie auch ihre Olympiakampagne mit Max Gurgel für das Offshore Doublehand Rennen in Paris 2024. „Einhand-Offshore-Erfahrungen bringen auch viel für die Olympiakampagne“, betont sie die Synergieeffekte beider Ziele. „Zwei gute Einhand-Segler können ein gutes Zweihand-Team bilden.“ Und dass sie und Max als Team funktionieren, wissen beide bereits. Nun segelten beide beim Silverrudder mit. „Offshore-Coach Tim Kröger wünscht sich immer einen McGyver an Bord. Und wo lernst du es besser, alles selbst zu reparieren, als bei der Mini-Transat, wenn du auf dich alleine gestellt bist. Dann musst du dazu in der Lage sein, dein Boot am Laufen zu halten“, schließt Lena Weißkichel mit einem Plädoyer für die Kombination beider Kampagnen.

Bildnachweis Titelfoto: Max Gurgel

Foto: Max Gurgel

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Gravatar von Kassian

Kassian

Hallo liebe Friederike, toller Artikel - macht bitte weiter so :) und Lena? Du natürlich auch. Mich begeistert besonders die Ehrlichkeit in diesem Artikel z.B.: "Ich bin im Cockpit eingeschlafen. Mein Körper konnte nicht mehr“ Liebe Grüße Kassian

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