Tüfteln für das Gefühl unter den Füßen

von Friederike Hiller

Zwei Millimeter mehr oder weniger? Bereits kleinste Veränderungen spürt er genau. Wenn Klaas Voget Windsurf Boardshapes testet, tüftelt er an den besten Voraussetzungen für ein besseres Dreh- oder Gleitverhalten. Millimeterarbeit für das perfekte Waveboard.

„I got it“

Möglichst perfekt für seinen Einsatzbereich soll das Board sein. Denn nicht nur die eierlegende Wollmilchsau unter den Surfbrettern ist utopisch – auch gibt es immer wieder etwas, das noch verbessert werden kann. Und so testet das Team Stunde um Stunde, tüftelt, spachtelt ab und trägt auf, sägt, verändert die Form und testet erneut. Bis Klaas Voget das Gefühl auf dem Wasser hat: „I got it“. Oder das Brett zunächst in einer Ecke der Garage landet und zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorgeholt wird, um vollendet zu werden oder ganz zu verschwinden.

Foto: Thomas Vincent

Exakte Konstruktion

Seit 2006 – als Craig Gertenbach ihn zum ersten Mal mit zum Testen nahm – vergleicht Klaas Boards, ordert Customboards für die Fanatic Teamfahrer und stellt sich mit Shaper Sebastian Wenzel in Portugal in die Werkstatt oder an den PC. „Das funktioniert seit Jahren sehr sehr gut“, berichtet er. Was früher noch per Hand seine Form erhielt, wird heute durch die CNC Fräse in Form gebracht. „Die Veränderungen am Computer sind dann auch genau die, die du auf dem Wasser fühlst.“ So lasse sich exakter konstruieren und herausfinden, was woran liegt und was die nächsten Schritte sein müssen.

Foto: John Carter

PC und Werkstatt

„Deshalb steht Sebastian mittlerweile auch mehr am PC als in der Werkstatt.“ Wenn beispielsweise Klaas die Idee hat, ein bisschen V aus der Kontur rauszunehmen, setzt Sebastian das in Zahlen um. Grundsätzlich sei es für die Entwicklung wichtig, dass die Boards exakt vermessen werden können. Genaue Referenzpunkte und ein akribisches Vorgehen ermöglichen die Vergleichbarkeit.

Foto: John Carter

Wochenlange Tüftelei

Seitdem sich Klaas Voget intensiv mit den Boardshapes beschäftigt, habe er viel gelernt und auch sein eigenes Fahrkönnen so verbessert. Immer, wenn er auf Boards unterwegs sei, schaue er, welche Form besser ist und was in welchen Bedingungen Vorteile verschafft. „Wir stecken alle super tief drin. Ich überlasse es nicht jemandem, sondern stelle es selbst her.“ Wenn er auch im ersten Moment nicht wisse, was genau den Unterschied ausmacht, dann tüftelt er wochenlang daran herum. So war es auch mit der Entwicklung der Finnenkonstruktion, die so jetzt bereits seit 2009 verwendet wird. Jeden Abend laminierte er die Finnen, baute sie um, arbeitete an den Boxen: fünf bis sechs Stunden. Dann kam der Moment, an dem er sagen konnte: „jetzt hab ich’s“. Er hatte mit dem Winkel herumgespielt und das Ergebnis erzielt, was er brauchte. „Das war unglaublich.“ Abends ging es gleich aufs Wasser, um sie auszuprobieren.

Wie eine Plastiktüte an der Finne

Nicht nur die Form des Tails, der Rails und Rockerlinie unter anderem beeinflusst die Boardeigenschaften, sondern auch Strömung, Salzgehalt, Temperatur und Segeldruck sind wichtige Parameter. „Wenn es sich auf Hawaii unglaublich gut anfühlt, dann kannst du trotzdem in Klitmöller damit das Gefühl haben, dass du eine Plastiktüte an der Finne hast.“ Auch die Windrichtung sei extrem entscheidend: „Bei schräg auflandigem Wind ist es beispielweise klebriger zu fahren als bei Sideshore.“

Foto: ION-FishBowlDiaries

Candies zwischen clean und Chaos

Um die unterschiedlichen Bedingungen mit einzubeziehen muss ein Test-Board an verschiedene Spots reisen. „Wir testen auf Maui, in Kapstadt, den Kanaren, Dänemark und Sylt – damit haben wir fast alles abgedeckt zwischen totaler Chaoswelle und cleanen Wellen.“ Danach lassen sich die Spezifikationen der Boards genauer festlegen.

Trotzdem achten sie darauf, dass es einen großen Einsatzbereich pro Board gibt. So ist beispielsweise das Freewave sowohl für Welle als auch Flachwasser ausgelegt. „Das ist nichts womit ich persönlich glücklich werden würde“, so der Windsurf-Profi. Er bevorzugt ein radikaleres Waveboard, wie es das Grip ist. „Wir wollen im Weltcup ein Board fahren, das möglichst einfach ist, früh gleitet und eng dreht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das, was mir am besten gefällt, auch den Leuten gefällt.“ So habe er auch eine exakte Kopie des Grip zwei Jahre lang im Weltcup gefahren. Doch wer beispielsweise die meiste Zeit in der schwabbeligen Ostseewelle verbringe, der werde eher mit dem Freewave Spaß haben. Letztendlich müsse jeder überlegen, wo er überwiegend auf dem Wasser  ist und danach aussuchen. So komme der Wunsch vieler Windsurfer nur ein Board, aber drei Segel zu haben, am besten zum Tragen. Also keine eierlegende Brett-Wollmilchsau, sondern für den eigenen Bedarf die „Candies rauspicken“. „Es gibt kein Board, das in jedem Bereich am besten ist.“

Foto: John Carter

Ausprobieren, was keiner hat

Und manchmal hilft alles tüfteln nichts. Wie beim Submarine. Der Spitzname des Boards verhalf ihm weder zu einem schnellen Unterwasserschiff, noch kam es je richtig ins Gleiten. „Das war eine komplette Banane.“ Bereits beim Anblick des Rockers hatte sich Klaas gefragt: „Was ist denn das für eine Gurke?“ Er spreizt Daumen und Zeigefinger weit auseinander und zeigt so an, wie stark der Rocker beim Submarine ausgeprägt war - also wie viel Biegung im hinteren Teil des Boards ist. Es war ein Schuss ins Blaue. Einfach mal ausprobieren, was keiner hat. „Aber wir konnten unsere Schlüsse daraus ziehen“, so hat das Experiment doch ein positives Ende gefunden.

Es passiere immer wieder, dass Boards zunächst zur Seite gelegt und später wieder angefasst werden. Einige dieser unfertigen Exemplare lagern in Klaas Garage in Hamburg. Sie haben den Umzug nach Kiel im Gegensatz zur Familie noch nicht mitgemacht. Und manchmal müsse man auch ein Projekt einstellen. Wie das Submarine. „Das war einfach bei klassischen Turns zu unkonstant.“ Und die klassischen Turns seien ihnen wichtiger als beispielsweise gute Eigenschaften für einen three sixty.

Foto: ION-FishBowlDiaries

Auf Herz und Nieren gestestet

Ganz anders sah es beim letzten großen Schritt aus. Das ist das Stubby. Dafür hatten sie sich vom Wellenreiter inspirieren lassen. „Was die Boards können, kann auch was fürs Windsurfen sein.“ Bereits beim ersten Test waren alle sofort überrascht. Obwohl der erste Anblick dies nicht vermuten ließ. „Was ist das für eine Tür“, drängte sich als Gedanke auf. „Hässlich wie die Nacht.“ Also blieb es zunächst in der Ecke stehen. Doch als dann ein einsamer Strand gefunden war, und das Board endlich zu Wasser gelassen wurde, fiel den Windsurfern die Kinnlade herunter. „Das ist so schnell losgeglitten.“ Dann ging es los, es wurde auf Herz und Nieren getestet. Zudem verbrachte Klaas Stunden und Tage im Workshop – spachtelte auf, schliff ab. Und beim Tail setzte er auch selbst die Säge an. „Alle waren total begeistert. Es freut mich nicht nur, wenn ich gut selbst damit klarkomme, sondern auch, wie happy die Leute sind.“

Der nächste Test steht bereits Ende Juli an. Dann geht es nach Teneriffa. Die Teamfahrer bekommen alle ein Board, das nur in kleinen Nuancen unterschiedlich ist. Welches wird am besten in den Bedingungen der Kanaren abschneiden – im Mittelmaß zwischen Chaos- und sauberen Wellen?

Foto: John Carter

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