Ruhe und unendliche Weite unterm Schirm

von Friederike Hiller

Trial and Error: Was im Training funktionierte, muss auf der Langstrecke neuen Herausforderungen standhalten. Bringt der Müsliriegel nach Stunden am Kite noch Power und wie gelingt die Motivation trotz Muskelsteifigkeit: Anke Brandt hat ihr eigenes Trainingskonzept erstellt, um Distanzen wie zuletzt 1646 Kilometer meistern zu können.

Mit und nicht gegen die Elemente

Den Strand im Rücken, den Blick auf den Horizont gerichtet, genießt sie die vor ihr liegende Weite. Der Kite zieht, sie fährt und fährt und fährt. Es gibt nichts mehr außer ihr, dem Wind, den Wellen und dem Wetter. „Dann komme ich in Trance“, beschreibt Anke Brandt das Gefühl des Einswerdens mit der Natur. Nur mit dem Gespür für die Elemente wird Kitesurfen zu einer meditativen Erfahrung. Dann stellt sich die Ruhe ein. Gegen die Elemente anzukämpfen macht keinen Sinn. „Dann bekommt man nur einen auf die Mütze.“

Foto: Diogo Cardoso/Kitesurf Odyssey

Zwölf Jahre ist es her, dass sie zum ersten Mal in Neuseeland am Schirm hing. „Bis ich mich komfortabel damit gefühlt habe, hat es ein Jahr gedauert.“ Sie ist froh, dass sie sich damals die Zeit gegeben hat. Den Respekt vor der Kraft der Elemente hat sie nie verloren.

Foto: Diogo Cardoso/Kitesurf Odyssey

1646 Kilometer kitend über den Atlantik

Für die 33-jährige Kitesurferin aus Berlin sind Geschwindigkeit und Tricks nebensächlich. Die lange Distanz hat es ihr angetan. Mit 250 Kilometern in zwölf Stunden rund um Bahrain und 491 Kilometern in 30,5 Stunden von Bahrain nach Abu Dhabi beides non Stopp stellte sie bereits Weltrekorde auf. Vom 4. bis 13. September ging es dann zusammen mit dem Portugiesen Francisco Lufinha von den Azoren bis nach Lissabon. Nach 1646 gekiteten Kilometern erreichten sie das portugiesische Festland.

Essen: wichtigster Aspekt der Vorbereitung

Als Vorbereitung für die Kitesurf-Odyssey über den Atlantik hat sich die gebürtige Münchnerin einen Trainingsplan erstellt. „Ich studiere Sport, daher habe ich eh schon ein abwechslungsreiches Sportprogramm. In Berlin kann ich leider nicht ständig am Kite hängen.“ So stehen mindestens drei bis vier Mal die Woche Laufen, Yoga, Stretching und Krafttraining auf dem Sportprogramm. Fahrten an die Ostsee nutzt sie, so oft es Wind und Zeit zulassen. Versucht sie dann auch möglichst lange auf dem Wasser zu bleiben und stundenlang am Schirm zu hängen? „Nein, das habe ich mir beim Marathon-Training abgeschaut. Da läuft man im Training ja auch keinen Marathon.“

Normalerweise kitet sie etwa zwei Stunden. Kurz vor dem Projektstart erhöhte sie auf vier bis fünf Stunden. Immer im Fokus, möglichst langsam zu fahren. Was bei der Distanz eher absurd klingt, war im Hinblick auf ihre Begleitung wichtige, denn Anke und Francisco wurden auf ihrer Tour über den Atlantik von einem Segelboot begleitet. „Das Segelboot ist langsamer. Und wir mussten daher die Manöver üben, ohne dabei ins Wasser zu müssen.“ Nur ungern wollten sie sich im Wasser treibend aufhalten, zum einen aufgrund der Kälte, zum anderen war da das mulmige Gefühl, nicht zu wissen, was unter ihnen schwimmt. Die größte Herausforderung sei es gewesen, den Körper immer wieder fit zu bekommen, auch wenn er nach einem langen Tag am Schirm steif und müde war. „Essen ist da mindestens genauso, wenn nicht vielleicht sogar wichtiger als das Training.“

Sind Proteine besser oder Kohlenhydrate? Verträgt der Körper besser tierische oder pflanzliche Proteine und welche Kohlenhydrate machen träge, welche fit? „Das muss jeder für sich herausfinden. Mein Körper reagiert stark auf Magnesium und Kalzium. Das muss ich mit der Nahrung aufnehmen.“

Foto: Miguel Rezendes/Kitesurf Odyssey

Mentale Vorbereitung mit Morgenseiten

Für die mentale Komponente sei es wichtig, Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. „Es ist faszinierend, was der Körper alles mitmacht.“ Das zusammen mit der Vorbereitung und dem Schreiben ihrer Morgenseiten bringen Anke Brandt die notwendige Ruhe. „Ich schreibe gleich morgens meine Wünsche, Ziele und Ängste auf. Das mache ich seit drei Jahren. Es ist wie eine Gehirnentleerung. Dann weiß man, wovor man Schiss hat und weiß es zu adressieren.“

Wenn sie dann erst einmal auf dem Wasser ist, empfindet sie die Langdistanz als Meditation. „Einfach stundenlang Ruhe haben.“

Foto: Diogo Cardoso/Kitesurf Odyssey

Ein großer (Kitesurf-)Traum

„Das Atlantik-Projekt war der große Traum“, sagt die Kiterin schwärmend, während sie in Berlin auf dem Weg zu Flughafen ist. „Davon zehren wir jetzt einfach erstmal.“ Ein neues Langstrecken-Ziel sei noch nicht in Sicht. Die körperliche Vorbereitung sei kein Zuckerschlecken und auch mental müssen die Kiter absolut fit sein. Doch das ist nicht wirklich das Problem, sondern eher der finanzielle Aspekt. Die Projekte sind sehr teuer und die Sponsorensuche langwierig. Daher geht es nun erstmal zum Kitesurf-Training nach Kapstadt.

Bildnachweis Titelfoto: Diogo Cardoso/Kitesurf Odyssey

Foto: Diogo Cardoso/Kitesurf Odyssey

Foto: Diogo Cardoso/Kitesurf Odyssey

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