Mit Gebärden Kiten lernen

von Friederike Hiller

„Den Schirm auf die 12.“ Das könnten Marie Kohlen und Pia Boni noch so laut rufen, ihre Schüler würden es nicht hören. Mit Deafventures haben die beiden ein Konzept entwickelt, wie sie Gehörlosen das Kitesurfen beibringen können.

Erklärungen sehen anstatt hören

Der Blick geht gen Himmel, den Kite unter ständiger Beobachtung. Der Wind bläst um die Ohren, doch diese hören nichts. Nicht, weil das Rauschen so laut ist, sondern weil dieser Sinn nicht zur Verfügung steht. Also müssen die Anweisungen nicht gehört sondern gesehen werden. Während Pia dicht hinter ihrer Kiteschülerin steht und für kurze Zeit die Bar ergreift, hat diese die Möglichkeit zu Marie zu schauen. In Gebärdensprache erklärt Marie, was zu tun ist. „Wenn sie versuchen gleichzeitig den Schirm im Blick zu haben und mich, dann verreißen sie schnell den Schirm“, erklärt Marie. So passen sie ihren Unterricht an die Bedürfnisse ihrer Gruppe an.

Kiten für Gehörlose

Kennengelernt haben sich die Kitelehrerin und die Gebärdendolmetscherin auf Sri Lanka. Pia gab Kitesurfunterricht, Marie machte Urlaub. Und beide schwammen schnell auf derselben Wellenlänge. Wenig später – als Pia nun auf Ummanz im Hostel arbeitete – kam Marie sie dort im Sommer für zwei Monate besuchen. Schnell war die Idee geboren, beide Kompetenzen zu vereinen und Kiten für Gehörlose anzubieten. Innerhalb von drei Monaten gründeten sie Deafventures.

„Es ist leider oft so, dass es nur wenig private barrierefreie Angebote für Gehörlose – also mit Gebärdensprache - gibt“, erklärt Marie. Trotzdem möchten auch Gehörlose gerne das Kitesurfen ausprobieren. Viele Schulen haben aber aufgrund der Sprachbarriere nicht die Möglichkeiten, sie zu unterrichten. Daher starteten Pia und Marie ihr Angebot mit Kite-Camps und ernten dafür viel Dankbarkeit.

Nicht parallel sondern nacheinander

„Pia gibt die Kitekurse wie gehabt und ich stehe neben ihr und dolmetsche alles“, berichtet Marie. Ob sie im Wasser stehe oder an Land, für das Dolmetschen mache das keinen Unterschied. Zunächst musste die 27-Jährige herausfinden, wie sie sich am besten positionieren kann. „Das Feedback von den Teilnehmern war wichtig.“ Daher sehen sie ihre ersten Camp-Erfahrungen auch als Testphase, um ihren Kurs weiter zu optimieren. „Es läuft und wir bekommen die Teilnehmer aufs Brett“, freuen sie sich.

Selbst bei Hörenden sind Zurufe auf dem Wasser wegen des Windes häufig nur schwer zu verstehen. Doch normalerweise werden dann oft die Anweisungen über Funk, was beispielsweise im Helm integriert ist, weitergegeben. DIe Möglichkeit haben Pia und Marie nicht. Daher gibt es Vorabsprachen. „Wenn Du probierst aufs Brett zu kommen, fahre maximal 50 Meter und halte dann an“, nennt Marie ein Beispiel. Dann versuche sie  vorzugehen und den Teilnehmer abzufangen, um dort neue Instruktionen zu geben. Stück für Stück erarbeiten sich so die Kiteschüler die Sportart. „Dinge, die normalerweise parallel ablaufen, machen wir nacheinander.“

Den Wind auf den Wangen

Und woher wissen die Teilnehmer woher der Wind kommt, wenn sie nicht gleichmäßig das Rauschen des Windes auf beiden Ohren hören können? „Sie fühlen den Wind auf den Wangen.“

Ein bisschen mehr Zeit, nimmt so der Verlauf in Anspruch. Etwa eine Stunde mehr als üblich, schätzen beide. Wenn Marie mit der Gebärdensprache den Teilnehmern alles erklärt, lernt Pia diese Art der Kommunikation gleich mit.

Muttersprachler ins Boot holen

Seit 2014 begleitet Marie als selbstständige Gebärdendolmetscherin ihre Kunden im Alltagsleben. Ob sie die Sprachbarriere beim Arzt oder im Studium überbrückt, so lernt sie die verschiedensten Aufgaben kennen. „Es ist spannend, dass jeder Tag anders aussieht. Und es ist eine schöne Sprache, dadurch dass sie bildlich ist.“

Zwei Camps liegen hinter ihnen. Drei sind für dieses Jahr noch geplant. Da sie viele Anfragen bekommen, sind sie bereits in den Planungen für das kommende Jahr. Dann wollen sie auch nur Kitekurse ohne Camp aus Ummanz geben. Für die Zukunft planen sie auch, einen Muttersprachler mit ins Boot zu holen und so Kitekurse von Gehörlosen für Gehörlose anzubieten.

Bildernachweis: Boni/Kohlen

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