Spaß mit sportlichem Ehrgeiz

von Friederike Hiller

Die Vision von einem leistungsorientierten Spaßprojekt ist für Anke Scheuermann Realität geworden. Mit einem reinen Frauenteam segelt die Skipperin und Steuerfrau auf der 36 Fuß großen Finn Flyer „Akka“. Eine Saison liegt bereits hinter den Mädels. Gleich zu Beginn konnten sie erste Erfolge einfahren. Ihre Erfahrung in der Männerdomäne: Leistung verschafft Respekt.

Leistung verschafft Respekt

Steuerfrau: Anke Scheuermann

„Wir alle sind über alle Maßen immens geflashed, was passiert ist“, sagt Anke Scheuermann mit Blick auf die gerade beendete erste Saison. Sie ist stolz auf ihre Crew und die – wie sie es nennt – effiziente Lernkurve. „Wir haben uns fleißig vorbereitet und sind Materialmäßig gut unterstützt worden.“ Ihre auf Projektmanagement ausgerichtete berufliche Arbeit, mittlerweile bei Gaastra, habe ihr geholfen, Struktur sowohl in die Crew als auch die Abläufe zu bringen. Die Saison begann für die Finn Flyer Ende April mit dem Go4Speed Regattatraining auf der Kieler Außenförde, dem Heimatrevier der „Akka“. Die darauf folgende MaiOR-Regatta bei bis zu 37 Knoten Starkwind hielten die Mädels bis zum Ende durch. „Irgendwann war so viel Wind, dass wir keinen Spinnaker mehr gezogen haben“, blickt die 37-Jährige zurück. Das letzte Rennen konnten sie dann beinahe gewinnen. „Für die erste Regatta ist das ein Traum“, resümiert sie. Gefreut habe sie sich auch über die Reaktionen der anderen Crews. „Sie haben gesehen, dass wir fleißig waren und Energie sowie Zeit investiert haben.“ Das Team sei nicht nur positiv aufgenommen sondern auch ernst genommen worden. Gegen Ende der Saison seien die Manöver reibungslos gelaufen, das Team gut eingespielt gewesen. „Es macht Spaß, das Sportgerät peu á peu mehr unter Kontrolle zu bekommen. Ich kenne es auch noch anders herum, als das Boot mich unter Kontrolle hatte“, erzählt sie lachend.

Spezialisiert auf Up and Down

Die Erschöpfung macht sich breit, die Müdigkeit droht, die Glieder zu lähmen und den Kopf träge zu machen. Doch die Seglerinnen kämpfen dagegen an. Anke Scheuermann weiß, dass sie trotz der vielen Stunden auf dem Boot und der tiefen Nacht um sie herum für alle verantwortlich ist und klar im Kopf bleiben muss. Eine besondere Herausforderung für die frisch zusammengewürfelte Crew bei der ersten Langstrecken-Regatta im Rahmen der Kieler Woche, die auch gleichzeitig die Internationale ORC Deutsche Meisterschaft war. „Das hatte ich noch nie gemacht. An die Offshore-Nummer müssen wir uns noch herantasten. Wir sind spezialisiert auf Up and Down Wettfahrten.“ Dafür habe es gut geklappt. Ihre Erkenntnis nach den ersten Regatten: „Wir brauchen bei mehr Wind mehr Crewgewicht und Hände und eine Person mehr im Trimm als die Männer. Wir müssen uns noch intensiver mit der Einteilung von Schichten bei Langstrecken befassen, um unsere Energie zu schonen und die Performance zu verbessern.“ Auch wenn Starkwinde die Mädels vor körperliche Herausforderungen stellten, sind diese Bedingungen mittlerweile routinierter geworden. „Heute ist viel Wind, heute rocken wir es richtig: Wird hoffentlich in naher Zukunft die Ansage sein. Aber dafür müssen die Hotquito Mädels noch weiter trainieren.“

Das Highlight der Saison war die WM in Kopenhagen. Als 15. von 59 Schiffen wurden sie gelistet und machten den dritten Platz in der Amateurwertung. „Ein Träumchen“, freut sich die Skipperin.

Vom Opti zum Dickschiff

Nachdem Anke Scheuermann vom Opti auf 420er und 470er gewechselt ist, stellte sie mit ihrer Teampartnerin fest, dass sie zwar mit relativ wenig Einsatz auf regionalen Regatten weit vorne mitsegeln können, doch international eine „Vollkatastrophe“ seien, wie sie lachend berichtet. Für intensiveres Training reichten damals Zeit und Geld nicht aus. „Ich habe als One-Man-Show angefangen, aber es ist langweilig alleine. Ich habe viel mehr Spaß mit mehreren auf dem Wasser.“ Und so segelte sie nach einer kleinen Pause Match Race mit Silke Basedow in einem Hamburger Mädels-Team. Für eine Olympiakampagne mit mindestens 250 Tagen auf dem Wasser und Zurücknahme der beruflichen Pläne fehlte ihr der Biss, sie hatte andere Prioritäten und entschied sich dagegen. Dann kam sie zu den Dickschiffen und segelte zuletzt vier Jahre an der Position Großschot und Taktik auf einer X 99 an Bord. Doch die Interessen der Crew waren zu unterschiedlich. „Die meisten fanden es schön an den Wochenenden Regatten zu segeln, wollten sich aber nicht intensiv darauf vorbereiten.“ Doch der Leistungsgedanke war und ist Anke Scheuermann wichtig. Auf der Kieler Woche im vergangenen Jahr lernte sie über einen Zufall den Sponsor Hotquito kennen, einen Architekten aus Strande. „Er ist ein Visionär und Tüftler“, so Anke Scheuermann. Er sei fasziniert von der Frauencrew beim Volvo Ocean Race gewesen und habe beobachtet, dass je größer die Schiffe werden, desto weniger Frauen auf dem Wasser sind. „Im Mittelmeer höchstens mal eine als Taktikerin oder Frau des Eigners“, erzählt sie. Überrascht stellte Anke Scheuermann fest, dass der Hotquito-Geschäftsführer Siegfried Leithäuser-Rieck der Vater einer sehr guten, alten 420er-Segelfreundin von ihr ist. „Das Vertrauen war sofort da und das

Fun, Teamspirit und der richtige Fokus

Im vergangenen Jahr hat Anke Scheuermann 30 Urlaubstage in das Projekt gesteckt. „Es ist ein wunderschönes Schiff. Ein Cruiser-Racer vom Rumpfbau und dazu ein Carbon-Rigg.“ Fokussiert sein, viel Effizienz und das Maximale rausholen, hatte sie sich zum Ziel gesetzt. Beim Casting der Crew setzte die Skipperin auf ein ähnliches Leistungsniveau und unterschiedliche Charaktere – nicht nur Alpha-Weibchen. „Wenn sie Fun, Teamspirit und Fokus darauf haben, am Projekt zu arbeiten ist das der Schlüsselfaktor für den Erfolg.“ 2016 waren 15 Mädels im Pool. Doch es stellte sich heraus, dass es trotzdem nicht immer leicht war, zehn für eine Regatta zusammen zu bekommen. Daher hat die Steuerfrau den Pool für die kommende Saison auf 18 Mädels zwischen 19 und 38 Jahren erhöht. Beim Casting erlebte sie auch, dass die Mädels zwar die Vorstellung von einem Frauen-Dickschiff-Projekt cool finden, aber nicht wissen, dass das auch sehr viel Arbeit bedeutet. Diese musterte Anke Scheuermann bereits im Gespräch aus und heraus kam eine „tolle Truppe“.

Mentale Vorbereitung auf die zweite Saison

Die erste Saison liegt nun hinter der Frauencrew, doch ausruhen wollen sie sich nicht. Es sei auch deshalb so gut gelaufen, weil sie ohne Erwartungsdruck und frei im Kopf segeln konnten. Einen gewissen Druck werde die nächste Saison bringen, das weiß Anke Scheuermann, doch sie bereitet sich und die Crew mental darauf vor. „Wir werden so viel trainieren wie bisher und noch effizienter werden.“ Mehr Disziplin im Team und ein besseres Zeitmanagement sind ihre Ziele. „Ich freu mich jetzt schon.“ Trotzdem nutzt sie die Winterzeit, um mal auszuschlafen, Glühwein zu trinken und zu genießen, dass die kalte Jahreszeit nicht so durchgetaktet ist wie der Sommer.

Bildnachweis Titelfoto: Pavel Nesvadba/www.photonesvadba.com

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