Vom Bauch- zum Regattasegler

von Friederike Hiller

Sie wagen es und nehmen die Herausforderung an. Vier Fahrtenseglerinnen haben wenige Monate Zeit, um ins Regattasegeln zum kommen. Coastwriter begleitet in einer monatlichen Serie die DSV Rookie Crew bis zur ersten Frauen-Segel-Regatta, dem Helga-Cup, im Juni.

Festgefroren

Da hilft kein Rütteln und Schütteln, die Seascape 24 in Heiligenhafen knirscht, aber bewegt sich keinen Zentimeter aus ihrer kleinen Wassermulde hinaus, die von Eis umgeben ist. Eine gefrorene Eisdecke macht das Auslaufen unmöglich. Ein bisschen enttäuscht sind Marion Köhler (Skipperin), Nina Hertling (Vorschiff), Anke Teschner (Trimm) und Barbara Weselmann (Taktik) von der DSV Rookie Crew schon. Sie hatten ihre Schneeanzüge eingepackt und sich mental auf ein eisiges Wintertraining auf der Ostsee eingestellt. Denn bisher hatten sie nur sechs Mal die Möglichkeit, auf der J70 auf der Alster zusammen zu trainieren und zudem ist die Position der Taktikerin ganz frisch neu besetzt. Daher wollen sie jede Segelzeit nutzen, die sich ihnen bis zum Helga Cup Anfang Juni bietet.

Foto: Friederike Hiller

„Wintersegeln ist einfach fantastisch“

Eine Woche später sind sie wieder vor Ort. Das Eis ist weg, die Seascape 24 segelfähig. Mit einem breiten Grinsen kommen vier Seglerinnen nach vier Stunden auf dem Wasser zurück an Land. „Es war grandios“, freut sich die Skipperin. „Wintersegeln ist einfach fantastisch. Vor allem bei dieser ruhigen, kalten Hochdrucklage ist es ein Traum und es ist kaum zu fassen, dass niemand auf dem Wasser war.“ Drei Grad Celsius und drei Beaufort erwarteten die Seglerinnen. Trimmerin Anke konnte nicht mittrainieren, dafür war Luisa Krüger als Trainerin mit an Bord. „Wir haben ganz viel Manöver-Training gemacht. Die Temperatur war überhaupt kein Problem. Uns ist so schnell warm geworden, dass ich irgendwann sogar ohne Mütze und Handschuhe gesegelt bin.“ Fünf Lagen inklusive Skiunterwäsche und Daunenjacke unter dem Ölzeug stellten sich schnell als zu warm heraus.

Foto: Friederike Hiller

Aus dem Ruder laufen

„Wir sind lange Kurse mit etwa eineinhalb Meilen gesegelt, um die Manöver sauber zu trainieren und sie nach Fehlern gleich noch mal zu üben.“ Dabei habe das Bootshandling im Vordergrund gestanden. „Die Seascape ist breiter als die J70, daher hatte ich Schwierigkeiten bei der Rollwende das richtige Timing zu finden“, erklärt Marion. Die Krängung dürfe nicht zu stark sein, um einen schnellen Seitenwechsel der Crew zu ermöglichen. Doch nach dem ersten Test des Bootstyps zeigt sich das Team zufrieden. „Es macht einfach nur Spaß.“ Zudem habe sie immer 100 Prozent Steuerfähigkeit im Ruder. „Die J70 ist kippeliger und zickiger“, zieht Marion den Vergleich. „Wenn die zu viel Schräglage hat, läuft sie aus dem Ruder.“ Auch Nina freut sich über mehr Platz auf dem Vorschiff. So können sie bei den Halsen helfen, den Gennaker auf die neue Position zu bekommen. „Der fliegt bei uns ja nicht so rüber, wie bei den Profis“, lachen sie über das trudelnde Segeltuch.

Foto: Sven Jürgensen

Ab ins wuselige Regattafeld

Es gibt immer etwas zu lernen – egal ob an Land oder auf dem Wasser. „Wir sind Bauchsegler“, sind sich die Rookies einig. Zudem ging es an Bord bisher bei den Familienfahrten eher gemütlich zu. Waren die Segel einmal gesetzt, wurde sich zunächst der Lektüre, dem Kaffeekochen oder einfach nur Zurücklehnen und Genießen gewidmet. Sich in einem wuseligen Regattafeld mit anderen Booten zu behaupten und permanent an dessen Performance zu arbeiten, gehörte nicht zum Segelalltag. „Wir sind Vollblutmitseglerinnen“, fasst Anke zusammen. „Sportsegeln war bisher nicht unser Ding.“

Foto: Sven Jürgensen

Präzise Ansagen

„Könntest Du bitte mal...“, dieser Satz gehört der Vergangenheit an. Der Ton wird rauer, die Ansagen präziser, Höflichkeitsfloskeln verschwinden von Bord. „Bitte“ und „Danke“ abzulegen, fällt der Skipperin noch schwer, vor allem da sich die Crew aus Freundinnen, die sich vom Dickschiffsegeln und dem Heimathafen Lemkenhafen auf Fehmarn (SVLF) kennen, zusammensetzt. „Das läuft noch nicht ganz so rund. Unsere Trainerin versucht uns auch auszureden, dass wir uns ausreden lassen.“ Kommandos sind nur ein Teil des großen Lernfeldes, mit dem sich die Seglerinnen beschäftigen. Alles muss theoretisch und praktisch erlernt werden: Schiffstrimm, Manöver, Handgriffe, das Zusammenspiel der Crew und unter Gennaker segeln. „Wir haben alle null Erfahrung im Gennaker-Segeln“, so Anke. „Wie zum Henker bekommt man den Gennaker wieder geborgen?", war ebenso eine Frage in den ersten Stunden auf dem Wasser, wie „wie sieht man diese tückischen Windlöcher?"

Foto: Sven Jürgensen

Die entscheidenden zehn Minuten

„Klar zur Wende.“ Es wird gewendet, dann aufgeatmet, geschafft. Haken dahinter setzen, hinsetzen, erst einmal zurücklehnen. Doch die kurzen Schenkel der Regattabahn erlauben keinen Konzentrationsverlust, nicht mal für ein paar Minuten. Die Konzentration müssen sie die gesamte Zeit über konstant hoch halten, dabei bleiben, ständig schauen, nachbessern, auf der Hut sein. „Noch haben wir keine Ahnung, was es bedeutet, eine Regatta von zehn Minuten zu fahren.“ Da fehle ihnen noch das Gefühl dafür. „Wir müssen schneller werden, explosiver, krasser.“

Foto: Sven Jürgensen

Verdammt viele Schiffe auf gleichem Kurs

Ab März soll es auf der Alster wieder regelmäßig mit dem Segeltraining losgehen. Dann hoffen sie auch auf viele andere Schiffe, Alsterdampfer und Ruderer, um bereits ein bisschen ein Gefühl für die Enge auf einem Regattafeld zu bekommen. „Die Alster ist ganz schön klein und es sind dann verdammt viele Schiffe auf dem gleichen Kurs. Das wird eine sehr spannende Sache“, so Nina Hertling. Wenn sie es schaffen, ein Mal die Woche zu trainieren, dann bleiben ihnen noch etwa zehn bis elf Trainingseinheiten auf dem Wasser bis zur Regatta. Nicht viel Zeit. Aber genug, um viele Fehler zu machen. Und das wollen sie auch, denn dadurch lernen sie mit am meisten.

Foto: Sven Jürgensen

Respekt vor den Regeln

„Ich habe Respekt vor den ganzen Regeln“, erklärt Marion. Sie befürchtet in der Regatta aufgrund von Regelfehlern disqualifiziert zu werden oder zu viele Kringel drehen zu müssen. Auch die Handgriffe müssen bis dahin sitzen. „Nicht, dass wir sie in der Aufregung vergessen. Wir haben sie ja nicht über Jahre verinnerlicht, wie andere.“

Foto: Sven Jürgensen

Komfortzone Dickschiff verlassen

Sich trauen, überwinden, Ehrgeiz entwickeln – das ist der Helga-Cup für die Rookie Crew des DSV. Das gemischte Feld aus Profi-Crews und Amateuren genießen sie. Die Hilfsbereitschaft der erfahrenen Regattaseglerinnen sei groß und sie Atmosphäre offen und freundlich. Und der Spaß kommt auch nicht zu kurz. „Wir haben die Komfortzone unseres sicheren Dickschiffs verlassen.“

„Wenn wir das machen, dann wollen wir es auch gut machen“, sind sie sich einig. Dann nehmen sie auch die Strapazen auf sich, die es bedeutet Familie, Beruf und Segeln unter einen Hut zu bekommen.

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