Angst vor der Angst

von Friederike Hiller

Das Boot legt sich auf die Seite. Die Reling taucht immer wieder in die Wellen ein. Wasser umspült das leeseitige Deck. Der Herzschlag rast, die Augen weiten sich, der Blick wird starr, die Hände halten sich verkrampft fest, der Atem geht schneller: Angst breitet sich aus.

 

Von der Krängung zum Kentern

Die einen verschwinden unter Deck, die anderen müssen davon abgehalten werden, nicht ins Wasser zu springen, wieder andere erstarren und reagieren kaum noch. Beruhigende Worte dringen nur noch schwer zu ihnen durch. Es ist die Angst davor, dass das Schiff kentern könnte, vollaufen und untergehen, und letztendlich die Angst vor dem Ertrinken.

Auch unter Seglern oder Mitseglern ist dieses Gefühl bei vielen kein unbekanntes. Und die Angst an sich ist ein sehr natürliches menschliches Gefühl. Angst zu haben, bedeutet, den Körper einer Situation auszusetzen, die er als potenziell lebensbedrohlich einstuft. Weil ein Mensch im Wasser nun mal nur eine bestimmte Zeit überleben kann. Da helfen Sprüche wie „das Boot kann aber gar nicht kentern“, meist nicht weiter.

Angst und Mut im Gleichgewicht

Manchmal hat sich sie Angst bereits in früheren Erlebnissen, in denen Todesangst gespürt, die aber nicht aufgearbeitet wurden, aufgebaut. Manchmal ist es mangelndes Vertrauen ins Material, den Skipper oder das eigene Können und manchmal der Kontrollverlust, der zu dieser Reaktion führt. Unemphatische Mitsegler oder eine Atmosphäre, in der gegenüber dem Ängstlichen direkt oder indirekt Druck aufgebaut wird, sind kontraproduktiv. Jeder Mensch kann in Situationen geraten, die ihm Angst machen und die Angst an sich ist wichtig. „Ohne Angst würde ich heute nicht mehr leben. Angst ist ja die andere Hälfte des Mutes, Angst und Mut sind ein unteilbares Ganzes“, erklärt Reinhold Messner, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass auch er Angst hat, in einem Interview gegenüber der Osnabrücker Zeitung. „Wir alle haben Angst und müssen lernen, damit umzugehen. Wir müssen der Angst etwas entgegensetzen, und das ist eben der Mut, mehr Können, mehr Training, mehr Begeisterung. Nur dann schaffen wir es, Angst und Mut ins Gleichgewicht zu bringen, und dann ist es nicht mehr so gefährlich.“

Für Regattasegler, wie die Tutima-Crew, ist die Krängung ein normaler Bestandteil des Segelns.

Individuelle Schwelle

Nun ist ein Segeltörn auf der Ostsee vielleicht nicht mit der Besteigung eines 8000er zu vergleichen. Aber Angst fragt nicht, ob es wirklich eine extreme Situation ist. Auch bereits kleinere Höhen können Angst machen, ebenso wie kleinere Stürme und Wellen als auf dem Südpolarmeer. Wo die Angstschwelle liegt, ist so individuell wie jeder Mensch und ebenso wie jeder damit umgeht oder umgehen kann.

In kleinen Schritten durch die Angst

Wer in Panik verfällt, läuft Gefahr, in eine Spirale der Angst zu geraten und bereits Angst vor der Angst zu bekommen. Kopfloses agieren, gar über Board springen, würden die Angst wahr werden lassen. Gegen Höhenangst nennt Reinhold Messner in dem Interview ein Mittel: „Sie müssen sich ganz langsam an steilere Gelände unter sich gewöhnen, indem Sie viel gehen und genau dort gehen, wo Sie sich auch trauen. Mit der Zeit geht es dann weg.“ Diese Reizkonfrontation wird in der Psychologie systematische Desensibilisierung genannt. Schrittweise werden die angstbesetzten Situationen und damit die Herausforderungen erhöht. Beginnend auf der kleinsten Stufe, auf der die Angst bereits spürbar ist, aber noch moderat. Diese Situation wird durchlebt, bis der Körper sich daran gewöhnt hat, er das Erregungslevel nicht mehr aufrecht erhalten kann und die Angst abnimmt. Dann folgt der nächst schwierigere Schritt. Von der Höhe aufs Meer gebracht. Langsam an mehr Wind, mehr Welle, mehr Krängung gewöhnen und so die Angst überwinden.

Zusätzlich kann so bei jedem Schritt bemerkt werden, wie das Material reagiert. Es selbst am Steuer spüren, um das Ruder in der Hand zu behalten und sich handlungsfähig zu fühlen oder das Reff einzulegen, um so Druck aus dem Segel zu nehmen oder das Segel auffieren. Es selbst in der Hand haben. So wie sich der Kletterer auf Griffe und Tritte konzentriert und den Abgrund nicht sieht – so konzentriert sich der Segler beispielsweise auf die Segel. Aus dem passiven „es über sich ergehen lassen“ wird ein aktives Handeln. Die Angst spornt an, sein Bestes zu geben, wachsam zu sein und sich zu überprüfen. Und das nicht bereits in der angstbesetzten Situation sondern bereits in der Vorbereitung, um das Vertrauen aufzubauen und so möglichst gar nicht erst in Angst besetzte Situationen zu kommen. Doch man kann nicht auf alles vorbereitet sein. Daher wird wohl auch niemand behaupten können, nie Angst zu haben. Vielleicht nur ein guter Verdränger der Angst zu sein.

Mitgefühl statt Hohn

Das sehen allerdings einige Mitglieder in Segelforen anders. Sie zetern über ihre ängstlichen Frauen, bezeichnen diese als „Olle“ und fragen sich, ob die Lösung in der Suche nach einer neuen Frau liegt. Wäre nicht ein emphatischer Umgang mit dem Thema der bessere Weg? Angst kennt kein Geschlecht. Aber Angst wächst, wenn der Druck von außen steigt, wenn die eigene Handlungsfähigkeit und das eigene Gespür fürs Schiff nicht gefördert sondern eingeschränkt werden. „Dir kann nichts passieren“, reicht nicht aus, um die Angst in den Griff zu bekommen.

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