(Surf-)Pilgern auf irisch

von Friederike Hiller

Was haben Surfen und Wandern gemeinsam? Man lässt zurück, was momentan nicht wichtig ist und genießt den Moment. „Nimm dir Zeit, um froh zu sein; es ist die Musik der Seele.“

Es schüttet aus Eimern, der Regeln prasselt auf die Funktionskleidung und perlt dort ab. Dann reißt der Himmel plötzlich auf, abendliche Sonnenstrahlen fallen hindurch und ein farbenprächtiger Regenbogen spannt sich auf. Typisches irisches Wetter. Selbst die Kühe haben gelernt, das Wechselspiel zu genießen. Sobald die Sonne sich wieder zeigt, recken sie ihr ihre Köpfe genussvoll entgegen. Ein entspannter Ausdruck zieht über ihre klobigen Gesichter.

Surfen pur

Es ist Herbst an der irischen Westküste, in den Wellen, die zum Strand laufen sitzen etwa zehn Surfer. Dick eingemummelt sind sie eigentlich nicht. Booties, ja die braucht man schon, aber Handschuhe oder Haube sind eher weniger zu sehen. „Das Wasser ist gar nicht so kalt. Wenn es windig ist, ist meist eher wärmer als die Luft“, sagt Patrick, ein Einheimischer, der die Spots auf seiner Insel liebt. Hier gibt es, zumindest zu dieser Jahreszeit, kein großes Surfer-Lifestyle Bohei. Alles ist entspannt, es geht um Natur, Sport und das Gefühl des Surfens – ganz pur.

Mit jedem Schritt

Auf der grünen Insel, beziehungsweise im Meer davor, lässt es sich aber nicht nur in den Wellen abschalten. Der Jakobsweg führt zwar nicht auf diese Insel – aber der Weg zu sich selbst, muss auch nicht mit Jakob gelaufen werden. Vielleicht ist es ja der Heilige Patrick, der den Wanderer auf mehr oder weniger vorgegebenen Pfaden begleitet. Nebensaison, nur wenige Menschen sind unterwegs, kein Auto parkt auf dem Parkplatz vor dem Hinweisschild. Die lila Pfeile sollen den Weg durch den Burren leiten. Bereits am Gatter zur Kuhweide kommen erste Zweifel auf, ob die eigene Interpretation des vermeintlichen Weges die richtige ist. Zwischen den schweren Tieren, die den Wanderer neugierig beäugen, dann unwillig aufstehen und widerwillig Platz machen, geht der Pfad hindurch. Ein Gatter muss überquert werden, bevor der steige Weg ansteigt. Erst oben angekommen, als der Blick über das kleine Dorf mit nur wenigen Häusern schweift, gibt es den nächsten kleinen lila Pfeil. Alles richtig gemacht. Entlang eines Steinwalls geht es durch hohes Gras auf der Hochebene weiter. Schritt für Schritt schweifen die Gedanken ab. Erst ist der Kopf noch mit Banalem, Alltäglichem beschäftigt. Dann nimmt er sich die Themen vor, die ganz grob mit Sinn und Unsinn des Lebens umrissen werden könne und dann ist sie da die Stille. Vollkommene Leere im Kopf. Es zählt nur der Moment, das Hier und Jetzt. Einen Fuß vor den anderen zu setzen, die frische Luft einzuatmen, den Wind im Haar zu spüren und mit dem Blick das nächste Zeichen zu suchen.

Nur Du und die Welle

Eine ganz eigene Ruhe löst es aus, in den ersten Sonnenstrahlen des Tages am Strand zu sitzen und auf die Welle zu schauen. Wenige Surfer sind im Wasser, alle an einem Peak. An kleineren, weiter abseits, sitzt niemand. Noch ein bisschen beobachten, bevor es losgehen kann. Die Setpause gibt den Blick frei, bis zum Horizont, alles flach. Nun spannen sich Arm-, Schulter- und Rückenmuskulatur an. Das Board gleitet in Richtung Horizont, das Line up ist erreicht. In gespannter Erwartung konzentriert sich der Kopf nur auf die Erhebungen des Wassers, die gen Strand laufen. Kein weiterer Gedanke hat Platz, kein Alltag ist mehr wichtig. Es zählt nur die Welle, das Wasser zu spüren, das die Beine umspült und die Sonne, wie sie das Gesicht wärmt. Das was da auftaucht, scheint surfbar, das Board in Position bringen, paddeln, den Blick auf das im eigenen Rücken ansteigende Wasser gerichtet, Adrenalin schießt durch die Adern. Dann das Wissen, dass der Moment gekommen ist, aufspringen, Balance finden, surfen und fallen...und mit einem breiten, glücklichen Grinsen wieder auftauchen...Alles beginnt von vorne.

Nicht einfach, aber wunderschön

Die nächste Abenteuertour steht bevor. Ohne Weg-Markierungen durch sumpfiges Gebiet hinauf auf den Benbulin. Wieder ist es eine Lektion dafür, sich selbst zu vertrauen. Zu Vertrauen auf das Gespür für den nächsten Schritt, um nicht im Sumpf stecken zu bleiben, für den Aufstieg ohne abzurutschen. Und das Vertrauen, schon irgendwie anzukommen. Vielleicht ist es nicht der beste oder einfachste Weg, aber der den man sich selbst erarbeitet.

„Tanze als ob niemand Dir zusieht“

Surfen und Wandern: Vielleicht ist es ja die Kombination aus beidem, die zu mehr mentaler Stärke führen und glücklich machen kann. Auf jeden Fall ist es eine andere, ganz eigene Art so etwas wie einen Jakobsweg zu gehen. „Arbeite als ob Du kein Geld verdienen müsstest. Liebe als ob Du nie verletzt wurdest. Tanze als ob niemand Dir zusieht.“ – so ein irisches Sprichwort.

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