Aufbruch zu nachhaltigen Abenteuern

von Friederike Hiller

Segeln, Überquerung des grönländischen Inlandeises und Freiklettern – drei Expeditionen in einer wurden zu einem 100-tägigen Abenteuer für Stefan Glowacz, Fotograf Thomas Ulrich und Kletterer Philipp Hans.

Foto: Thomas Ulrich

Mitreißend und ungeschönt

„Wenn wir schon aus Vergnügen um die halbe Welt reisen, soll es zumindest so nachhaltig wie möglich passieren“, erklärt Stefan Glowacz. Für das dreiteilige Abenteuer wählte das Team die aktuell nachhaltigsten Fortbewegungsmittel, um Grönland zu erreichen und zu durchqueren. In dem Bildband „Grönland Coast to Coast“ werden die Erlebnisse sowohl in den mitreißenden Fotografien als auch den ungeschönten Textpassagen lebendig. „Gern hätten wir uns mit ihm auf den 6500 Seemeilen über den Nordatlantik an der Reling übergeben, gemeinsam während der 1000 Kilometer auf dem grönländischen Inlandeis unsere Schlitten verflucht und in der 1000 Meter hohen Felswand mit ihm zusammen die eiskalten Biwaks durchlitten,“ resümiert Stefan Glowacz, während er bedauert, dass das weitere Teammitglied Holger Heuber für die Expedition ausfiel.

Foto: Thomas Ulrich

Ungeduldige Gesellen

Ab Schottland ging es auf die 14 Meter lange Stahlyacht „Santa Maria“ mit Skipper Wolf Kloss. Der Wettbericht an Bord übernimmt das Kommando. „Wir Kletterer sind ungeduldige Gesellen und tun uns anfangs schwer damit.“ Bis die Seekrankheit sowieso alles lahmlegt. Wundervolle Momente mit Walsichtungen und strahlendem Sonnenschein wechseln sich mit stürmischen Passagen ab, in denen die Seekrankheit gewinnt. Und so schlägt das Pendel aus zwischen: Es gibt gerade keinen schöneren Ort und nur weg von diesem Ort.

400 Kilogramm Gepäck schleppten Stefan, Thomas und Philipp 35 Tage bei bis zu minus 45 Grad Celsius auf und über das Inlandeis.  Foto: Thomas Ulrich

Das Leben in der Tiefkühltruhe

Um 6 Uhr morgens Müsli mit 1200 Kalorien essen, noch eine Stunde schlafen. 9 Stunden über das Eis laufen – bei günstigem Wind mit dem Snowkite schnell viele Kilometer schaffen – Zelt aufbauen, Essen, Schnee für den nächsten Tag schmelzen und versuchen, dabei nicht einzuschlafen: So sieht das Leben in der Tiefkühltruhe des Inlandeises aus. „Eine philosophische oder meditative Dimension empfindet keiner von uns an dem, was wir hier treiben. Es ist einfach nur eine tierische Schinderei. Trotzdem sind wir glücklich, diese Augenblicke gemeinsam erleben zu dürfen.“

Fehlt nur noch der dritte Teil des Abenteuers: die Kletterei. Doch die Erstbegehung einer Big Wall musste abgebrochen werden. Die Bedingungen spielten nicht mit.

Foto: Thomas Ulrich

„Brechen wir auf!“

13 Kilo Plastikmüll nahmen die drei wieder mit nach Hause. Der Müll stimmte sie nachdenklich: „Wir haben mit dieser Nachhaltigkeits-Expedition ein Zeichen setzen wollen, aber wir müssen noch viel mehr tun, um diesen wunderschönen Planeten auch für die nächsten Generationen zu erhalten. Brechen wir auf!“

Grönland Coast to Coast: Stefan Glowacz Expeditionen

Foto: Thomas Ulrich

Stefan Glowacz im Interview

Coastwriter: Einige Monate sind nach der Expedition vergangen: Was ist nachhaltig an Eindrücken geblieben?
Stefan Glowacz: Es sind die intensiven Augenblicke und Eindrücke die immer in Erinnerung bleiben werden. Natürlich gab es in jedem Abschnitt der Expedition auch Phasen des Leidens. Darauf stelle ich mich im Vorfeld entsprechend ein. Trotz aller Anstrengung, dem permanenten Gefühl des Ausgesetzt-Seins und immensen Drucks waren die Eindrücke auf dem Inlandeis von Grönland sicher die intensivsten. 

Was motiviert Dich dazu, trotz Schinderei, weiterzumachen?
Diese Eindrücke auf dem Inlandeis habe ich in dieser Form noch nie erlebt und genau diese Neugier auf das Unbekannte lässt mich immer wieder aufbrechen. Die Schinderei ist bei dieser Art von Expeditionen ein wesentlicher Bestandteil, auf den ich mich im Vorfeld entsprechend vorbereite, physisch aber vor allem mental.

Foto: Thomas Ulrich

Wie sehr nagt noch der Umstand an Dir, dass keine Erstbegehung möglich war?
Verschiedene Expeditionsformate in einer einzigen Expedition zusammenzufassen war von vornherein ein Experiment. Natürlich war es sehr schade, dass es aufgrund der Kälte und den widrigen Bedingungen mit der Kletterei nicht mehr geklappt hat. Aber auch so war die Expedition ein voller Erfolg.

Du hast wieder festgestellt, dass Du kein Boot mehr betreten willst. Wie lang wird dieser Satz dieses Mal halten oder warst Du bereits wieder auf einem Segelboot?
Der Vorsatz hielt noch nicht einmal ein halbes Jahr. Irgendwie ist es mein Schicksal immer wieder für meine Anreise ein Segelschiff betreten zu müssen, obwohl ich kein Wassermensch bin und tierisch unter der Seekrankheit leide, sobald das Schiff den Hafen verlässt. Aber es ist einfach die perfekte Möglichkeit Naturnutz mit Naturschutz zu verbinden. Dafür nehme ich mein persönliches Leid gerne in Kauf.

5500 Kalorien pro Mann und Tag wurden veranschlagt. Doch als sie auf die Santa Maria warten mussten, die noch in Herbststürmen festhing, musste zum Ende hin rationiert werden.  Foto: Thomas Ulrich

Wird es eine Wiederholung eines Erstbegehungsversuches in Grönland geben?
Wir holen die verpasste Kletterei in Grönland dieses Jahr nach, wahrscheinlich auf gleiche Art und Weise bezüglich der Anreise. Naturverträglich mit Elektromobilität und wieder mit dem gleichen Segelschiff und Skipper. Nur überqueren werden wir Grönland dieses Mal nicht mehr

Wo geht es genau hin und wann startet das neue Projekt?
Die Wand im Scoresby Sund an der Ostküste von Grönland steht für dieses Jahr auf dem Programm. Wir brechen Mitte Juli auf und planen Ende August wieder nach Hause zu kommen.

Foto: Thomas Ulrich

Gibt es Momente der Angst?
Angst habe ich nur wenn ich eine Situation nicht einschätzen kann. Vor allem beim Segeln überkommt mich in manchen Situationen die Panik, weil ich nicht beurteilen kann, wie belastbar das Schiff tatsächlich ist. Dann versuche ich den Grad der Bedrohung aus dem Verhalten des Skippers abzuleiten. Das sind für mich immer die unangenehmsten Momente einer Expedition.

Wie würdest Du Deine Gefühle beim Klettern beschreiben?
Es ist für mich die große Freiheit und die perfekte Verschmelzung von Körper und Geist.

Nachhaltigkeit als wichtiger Aspekt der Expedition. Was nimmst Du davon mit in den Alltag?
Sehr viel. Ich versuche natürlich auch meinen Alltag so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Jeder Einzelne von uns kann viel zur Nachhaltigkeit in seinem alltäglichen Leben beitragen, wenn er bereit ist, ein bisschen umzudenken und sich einzuschränken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bildnachweis Titelfoto: Thomas Ulrich

 

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