Zu zweit ist der Atlantik nicht so weit

von Friederike Hiller

„Am Anfang ist die Angst.“ Doch mit dem Motto „einfach mal machen“ haben Christoph und Anna Vertrauen gefunden. In sich, in die „Shalom“ und, dass immer irgendwas funktioniert – vor allem, wenn man nicht so viel plant... wie beispielsweise eine Atlantische (Segel)-Liebesgeschichte.

Fernweh

Christoph Vougessis nimmt die Staubmaske ab. Seine über 40 Jahre alte Hurley 22 „Shalom“ bekommt ein Komplett-Refit. Nachdem sie ihn und Anna über den Atlantik und ihn auch wieder zurück getragen hat, braucht die alte Dame viel Zuwendung. „Nichts ist mehr perfekt“, sagt der 21-Jährige.
Momentan liegen seine Weltumseglungspläne eh auf Eis. Erst einmal möchte er seine Ausbildung zum Bootsbauer beenden. „Es gibt keinen Tag, keine Stunde, an der ich nicht denke, dass ich wieder los will.“ In Deutschland seien alle nur für sich. Auf Kuba sei das anderes gewesen, alle reden miteinander.

Segelkurs auf der Mosel

Etwa 500 Kilometer weiter südlich ist Anna Haubrich wieder im deutschen Alltagsleben angekommen. Die 20-Jährige studiert Psychologie und will auch erst einmal einen Abschluss in der Tasche haben, bevor weitere Auswander- oder Weltreisepläne konkret werden. „Es gibt Tage, an denen ich eigentlich wieder weg will, aber ich will das hier erst einmal fertig machen.“ Und die Zeit möchte sie auch nutzen, um auf der Mosel segeln zu lernen. Denn außer ein paar Basiskenntnissen haben sie die Monate zusammen mit Christoph auf dem Atlantik nicht zur Seglerin gemacht. „Es gab nur wenige Situationen, in denen es an der Segelstellung etwas zu verändern gab. Wir hatten einen beständigen Passatwind und sind manchmal tagelang so weitergesegelt.“

Überraschende Begegnung

Annas eigentlicher Plan war, in Costa Rica als Tauchlehrerin zu arbeiten. Doch dann traf sie erst Joschi, der ihr erst auf einem Probelauf in Deutschland zeigte, dass Trampen funktioniert und dann mit ihr zusammen in Richtung Südamerika aufbrach. Die Reisegemeinschaft endete auf La Gomera. „Ich saß im Cockpit und habe das Leben genossen. Dann kam sie mit einem anderen Boot in den Hafen gefahren und sie haben direkt neben mir festgemacht“, erzählt Christoph.
Während Anna auf dem Boot neben der „Shalom“ weilte, lernten sie sich kennen. „Ich hab mich nicht getraut, ihn zu fragen, ob er mich mitnimmt. Ich wusste nicht, ob er wirklich den Platz teilen wollen würde.“ Er wollte, fasste den Mut sie zu fragen und so schipperten beide zusammen weiter.

Zwischen Wellen und Sternen

„Die ersten drei Tage dachte ich, dass ich sterbe“, berichtet Anna lachend. „Als wir los sind war abends noch schönes Wetter.“ Doch dann zog es sich zu, die Wellen türmten sich auf. „Wenn man hinter sich die Welle sieht, dann wirkt die noch viel größer. Ich dachte, die bricht gleich übers Boot.“ Also verkroch sie sich unter Deck und hoffte, dass sie überleben würde. Mit der Zeit gewöhnte sie sich an den Anblick und kam auch wieder an Deck.

 Das Leben auf engem Raum machte beiden nicht viel aus. Immerhin hatten sie sich nicht nur kennen gelernt, sondern sich auch ineinander verliebt. „Ich habe mich allerdings ein bisschen schlecht gefühlt, dass ich nicht helfen konnte, wenn Christoph auf dem Deck rumgesprungen ist. Aber ich war auch Unterhaltungsprogramm und wir haben viel geredet“, berichtet Anna. Die Segeltour über den Atlantik in Richtung Karibik genoss sie vor allem, wenn sich nachts über ihnen ein endloser Sternenhimmel ausbreitete und hinterm Heck das Plankton das Wasser grünlich schimmern ließ. Oder die vielen intensiven Sonnenauf- oder untergänge und die fliegenden Fische, die sie begleiteten. Essen konnte sie die Fische zwar nicht, auch wenn Christoph welche geangelt hatte. „Ich ernähre mich vegan und habe es zwar probiert, aber es ging moralisch einfach nicht so gut.“ Das frische Essen ging irgendwann zur neige. Was blieb waren Kircherbsen und Zwiebeln.

Fürs Leben gelernt

„Ich möchte so viel von der Welt sehen wie möglich und das Segelboot ist dafür ein gutes Reisemittel“, blickt Christoph auf seine Wahl des Fortbewegungsmittels zurück. „Ich bin früher Opti gesegelt.“ Doch dann drehte er zunächst dem Segeln wieder den Rücken zu. „Ich hatte Angst vor viel Wind.“ Bis sich die Idee zur Weltumseglung in ihm festgesetzt hatte, die Shalom bei ebay angeboten wurde und das Abenteuer nach dem Abi lockte. „Die Reise hat mich so dermaßen verändert. Ich habe fürs Leben gelernt.“ Beispielsweise habe ihn das Fahrtensegeln mit vielen Tiefschlägen konfrontiert, mit denen er umgehen musste. Andauernd ging irgendetwas kaputt oder fiel aus. „Schon in Cuxhaven ist der Motor ausgefallen, vor Helgoland die Selbststeueranlage.“ Die ursprünglich geplante Weltumseglung hat er nicht geschafft – das Geld ging vorm Panamakanal aus. Aber als Bootsbauer kann er unterwegs arbeiten, die Weltreise so nachholen und schauen, wo er sich vielleicht irgendwann niederlassen möchte.

Anna gehört zur Reise wie das Boot.

Neue Herausforderung

In der Karibik angekommen, fehlte Anna das Trampen. „Das Leben drehte sich immer ums Schiff. Man ist dann nicht mehr so flexibel. Ich wäre beispielsweise gerne morgens joggen gegangen, aber das war schwierig.“ Es gab nur ein Beiboot zum übersetzen an Land und die „Shalom“ wollte auch im Auge behalten werden. Hält der Anker? Diese Frage beschäftigte die beiden „im Herzen Reiseverrückten“, wenn sie an Land gingen. „Man traut sich nie lange vom Boot wegzugehen.“ Also nahm Anna eine Segelauszeit und während Christoph weiter auf der „Shalom“ blieb, nahm sie wieder das Trampen auf. So froh sie auch darüber war, wieder im Wald zu schlafen, so sehr vermisste sie auch Christoph.

„Anna hat einen großen Teil der Fahrt ausgemacht. Ohne sie wäre ich vielleicht auf Gomera hängengeblieben. Anna gehört zur Reise wie das Boot.“ Als Anna von Bord gegangen ist, ließ Christoph viele Inseln aus und wollte schnell wieder nach Deutschland um sie wiederzusehen. „Ich wollte nicht mehr alleine sein. Im Herzen bin ich kein Ein-Hand-Segler“. Auf der einsamen Atlantikrückpassage zurück nach Europa kam Schwermütigkeit auf, wenn er abends alleine die Sonne am Horizont ins Wasser tauchen sah.
Nun sind sie beide wieder in Deutschland. Zumindest erst einmal. Doch nach so langer Zeit auf engstem Raum ist der große Abstand zwischen Koblenz und Jork eine Herausforderung für das Paar. „Das hatten wir uns ein bisschen anders erhofft.“

„Per Anhalter über den Atlantik“

Ihre gemeinsame Geschichte haben Anna und Christoph für den Delius Klasing Verlag in „Per Anhalter über den Atlantik“ niedergeschrieben. „Wir haben so viele Menschen getroffen, die alle so tolle Geschichten hatten. Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, getrampt, haben Kinder auf dem Wasser großgezogen. Daher hatten wir nie gedacht, dass unsere Geschichte als Abenteuer Wert ist, darüber zu schreiben“, sagt Anna. Manchmal sei es schwierig gewesen, Zeit fürs Schreiben zu finden. Da sie eh nur die Wochenenden zusammen hatten, fiel es ihnen schwer, in der Zeit noch am Buch zu arbeiten. Doch nun sind sie stolz darauf, ein abgeschlossenes Projekt in den Händen zu haben. „Es ist schon schön zu sehen, wenn es andere motiviert, loszukommen.“ Auf der anderen Seite mussten sie aber auch Geschichten, die ihnen wichtig waren, streichen. „Sie waren für den Lauf der Geschichte nicht relevant, haben mir aber viel bedeutet“, so Anna.

Wie beispielsweise ihre Zeit in Guatemala. „Die hat mir viel gegeben.“ Anna wohnte alleine in einem Hostel und spielte in einem Restaurant Klavier. „Ich habe morgens auf dem Markt Mangos gekauft, bin dann schwimmen gegangen, habe Schach und dann im Restaurant Klavier gespielt. Es war eine ganz tolle Zeit.“ Dort habe sie sich zuhause gefühlt. „Genau dahin möchte ich noch mal zurückkehren.“ Klavierspielen sei ihre Leidenschaft, ihr Traum. „Man muss Mut aufbringen, weil alle dich hören. Aber es erfüllt mich komplett.“ In Guatemala saß sie drei bis vier Stunden am Tag am Flügel.

Neue Segelrollen

Im Sommer soll die „Shalom“ wieder wassertauglich sein. Dann sind die ersten kleinen Törns geplant. Vielleicht wird Anna dann mit neuem Segelwissen an Bord gehen. Dann bestehe allerdings die Gefahr, dass es zu einem Kompetenzgerangel kommen könne. „Es ist schwieriger, wenn beide segeln können, als wenn einer nur mitsegelt.“ Bisher waren die Rollen klar verteilt, er war der Segler, die sie Mitfahrerin.

Spannend wird die Zukunft auf jeden Fall. Ein Schachspieler auf Kuba hat Anna in einem Magierritual prophezeit, dass sie ein Geschäft haben werden. „Das kann ich mir schon vorstellen.“

 Bildernachweis: Christoph und Anna

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