Surf, Snow und Islands starke Frauen

von Friederike Hiller

„Ohne Angst oder Zögern, geh’ und werde, was auch immer du sein willst!“ In Island erwartet Surfer nicht nur ein unvergessliches Naturerlebnis, sondern auch eine Kultur, geprägt von Frauen: von der ersten demokratisch gewählten Präsidentin bis hin zu Extremportlerinnen.

Traumhafter Anblick

Ihren Schlafplatz richten sie nach dem Wind aus, um nicht wegzuwehen. In ihre Träume kommen Trolle und Feen. Ein „absoluter Traum“ ist dann auch der Anblick am Morgen. Vor der unglaublichen Kulisse der schneebedeckten Berge gehen Aline Bock und Anne-Flore Marxer surfen. Die Sonne scheint, die Welle läuft. „Wir hatten viel viel mehr Wellen und Surftage als Tage am Berg“, fasst Aline den Snow-, Surf und Frauenpower-Trip der beiden Freeriderinnen in Island zusammen. Ab Herbst wird dann die daraus entstandene Dokumentation gezeigt.

„Das, was ich immer suche“

Im Norden Islands gibt es steile, schneebedeckte Berge, die direkt ins Meer reichen. Ein perfekter Ort, um Snowboarden und Surfen zu kombinieren. „Das, was ich immer suche“, erklärt Aline Bock, die bereits auf den Lofoten und in Japan Filmprojekte verwirklicht hat.

Doch dieses Mal zogen sie nicht nur die magische und spektakuläre Landschaft sondern auch die Geschichte des Landes an. Island ist Vorreiter in der Gleichstellung der Geschlechter. Beispielsweise regierte die erst demokratisch gewählte Präsidentin dort. Daher verbinden Aline Bock und Anne-Flore Marxer in „Dare – in Iceland, a land shaped by women“ die atemberaubende Landschaft beim Surfen und Snowboarden mit Van-Life und vor allen Dingen starken Frauen. „Island ist schon seit langem auf meiner Reiseziel-Liste“, sagt Aline Bock. Und das nicht erst seit Fußball-EM und Vulkanausbruch.

Foto: Eleonora Raggi

Surfen im Graupelschauer

Die seichten kleinen Wellen verwandeln sich in rollende Berge, die unter Graupelschauern gen Land donnern. Aline reizt der Anblick, sie nimmt ihr Board und läuft zum Wasser. Beim ersten Take-Off muss sie sich dann aber eingestehen, dass es nicht die beste Idee war, bei den Bedingungen aufs Wasser zu gehen. Die Graupelkörner schmerzen in den Augen, reflexartig schließen sich diese. „Eigentlich hätte ich eine Taucherbrille gebraucht, aber die wäre beim nächsten Duck Dive weggewesen“, nimmt sie es zurück an Land mit Humor.

Das Wetter hatte für die beiden Abenteuerinnen immer eine Überraschung dabei. Island und das Wetter, das sei eine Kombination, die nur ergebnisoffene Vorhersagen erlaube. Zu 98 Prozent stimmen sie nicht. „Man muss schauen, was kommt und alles verändert sich ganz schnell.“

Foto: Eleonora Raggi

Feministische Kultur des Landes

Berge und Meer hatten sie zwar magisch angezogen, aber vor allem die „progressive, feministische Kultur des Landes“ faszinierte die beiden Frauen. „Am 24. Oktober 1975 traten überwältigende 90 Prozent der weiblichen Arbeitskräfte in Streik, um dem Rest des Landes zu beweisen, wie notwendig ihr Beitrag in der Arbeitswelt ist. Es ist kein Zufall, dass fünf Jahre später weltweit die erste Frau in das Präsidentenamt gewählt wurde.“ Wie schwierig es ist, Gleichstellung der Geschlechter im Alltag zu leben, haben die beiden professionellen Snowboarderinnen auch im Verlauf ihrer Karriere erfahren. In dem männerdominierten Sport mussten sie hart dafür kämpfen.

Anne-Flore und Aline sprechen mit Katrin Oddsdottir über die feministische Geschichte des Landes.

Foto: Eleonora Raggi

Erfrischend und inspirierend

Auf Island gibt es viele starke Frauen, die etwas bewirkt haben. „Sie machen vor nichts halt, trauen sich und schrecken vor nichts zurück“, so sind Sportlerinnen, Politikerinnen und Menschenrechtlerinnen der Insel Vorbild für die jüngere Generation. „Es ist erfrischend und inspirierend das zu erleben“, so Aline.

Eher zufällig kamen sie dazu, die Mädchen einer Schule zu dem Thema zu befragen. Immer auf der Suche nach einem windstilleren Plätzchen, an dem sie ihren Van parken konnten, stellten sie sich in den Windschatten der Schule – ohne zu ahnen, wo sie da sind. Am nächsten Morgen klopfte der Busfahrer und bat die beiden, Platz zu machen. So kamen sie ins Gespräch und erfuhren, dass die kommende Generation bereits nicht nur mit dem engen Kontakt mit der Natur aufwächst sondern auch mit großen weiblichen Vorbildern. Geschlechtergleichstellung und Frauenrechte sind in den Köpfen der Mädchen fest verankert. „Man lebt dort oben schon in einer anderen Welt“, schwärmt Aline. „Ich hatte nicht mal Internet dort“, lacht sie. Vielleicht auch ein Grund, warum das Gleichgewicht zwischen Handynutzung und raus in die Natur dort ein anderes ist, als bei uns.

Foto: Eleonora Raggi

Weibliche Vorbilder

Neben zufälligen Begegnungen, wollten Aline und Anne-Flore aber auch genau diese weiblichen Vorbilder treffen. Wie beispielsweise Katrin Oddsdottir, eine beeindruckende Frau, Menschrechtsanwältin und politische Aktivistin, die Teil des Teams war, das Islands neue Verfassung entworfen hat.

Als moderne Heldin bezeichnen Aline und Anne-Flore ihre Gesprächspartnerin Volborg Arna Gissuraardottir, die als erste isländische Frau den Mount Everest bestiegen und den Südpol erreicht hat.

Weiter ging es in den Norden, wo Islands erste Surferin, eine der ersten Snowboarderinnen und Gründerin der Marke Nikita, Heida Birgisdottir, mit den beiden zum Snowboarden auf die Berge stieg.

Bei jeder Begegnung war die Verbundenheit mit den Werten der Ex-Präsidentin Vigdis Finnbogadottir (im Amt von 1980 bis 1996) spürbar. Mit den Sätzen: „Geht raus und hol es dir“ oder „Ohne Angst oder Zögern, geh’ und werde, was auch immer du sein willst!“ zitierten sie ihr politisches Vorbild.

Drei Frauen am Berg: Aline und Alle-Fore snowboarden mit Heida Birgisdottir.

Foto: Eleonora Raggi

Unvergessliche Naturerlebnisse

Gletscherlagunen, tosende Wasserfälle, tiefblaue Fjorde, wasserspuckende Geysire und unzählige Schafe unter dem Regenbogen schaffen eine Atmosphäre, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. „Und diese Reise war ganz bestimmt nicht mein letzter Besuch auf der Insel aus Feuer und Eis. Es gibt noch so viel mehr zu entdecken“, zieht Aline Bock nach fünf Wochen ein Fazit. „Unzählige unbekannte, menschenleere Gipfel vulkanischen Ursprungs verschmelzen unterwegs zwischen Himmel und Ozean. Ein fast unberührtes Paradies für Snowboarder und Tourengeher in einer Szenerie, die sich vollkommen von den populären Bergsteigerzielen der Alpen unterscheidet. Abfahrten von über 1000 Höhenmetern bis an den Strand.“

Ebenso haben sie die menschenleeren Buchten beeindruckt. Und wie die perfekten Wellen über Eisschollen ans Ufer gelaufen sind. „Wer den Weg hierher findet, wird mit unvergesslichen Naturerlebnissen belohnt.“

Foto: Andreas Beregovich

Noch ein letztes Schneeabenteuer

Ganz beendet ist die Tour noch nicht. Nach einem zweiwöchigen Stopp in der Heimat, geht es wieder zurück. Denn aufgrund der Lawinengefahr ist das Schneeabenteuer noch nicht vollständig. Steiles Gelände mit direktem Blick auf die Fjorde bietet Platz für spektakuläre Abfahrten. Die wollen sie noch mitnehmen, bevor sie das Projekt endgültig beenden.

Bildnachweis Titelfoto: Eleonore Raggi

Foto: Eleonore Raggi

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