„Wenn Du einmal sitzt, dann sitzt Du“

von Friederike Hiller

8600 Kilometer, 16 Tage, jede Menge Bier, 1 mal Wellenreiten, 1 mal Kiten, unzählige Stunden im Auto und dabei die Ostsee umrundet: Die Surfer Robert Donnelly, Thomas Degen und Xaver Bohnhof sind bei der Baltic Sea Circle Rallye mitgefahren, haben Surf- und Kitezeug mitgeschleppt und doch weniger Spots entdecken können als erhofft.

„Wir haben Unstad Beach gesurft und es war geil“

Es ist schon spät in der Nacht – auch wenn die Dämmerung, die das Land nicht vollständig in Dunkelheit taucht, etwas anderes vermuten lässt. Doch in diesen Sommertagen so nah am Polarkreis wird es nicht dunkler werden. Thomas zeigt mit Daumen und Zeigefinder einen kleinen Abstand: „So weit über dem Wasser bleibt die Sonne stehen. Das ist ihr tiefster Punkt.“ An Schlaf ist nicht zu denken. Die Helligkeit ist nicht schuld, vielmehr der Wille die letzte Fähre auf die Lofoten zu erwischen, um dort geradewegs nach Unstad Beach zu fahren und die auf dem Dach verstauten Surfbretter zu nutzen. Wer nicht am Steuer sitzt und die Augen kurz schließt, träumt schon von den Wellen. Endlich legt die Fähre an, die letzten Kilometer schnell hinter sich bringen und dann liegen sie da, der Strand und das Meer: „absolut platt“. Keine Welle, kein Surf. „Wir haben unsere Isomatten ausgerollt, sind in die Schlafsäcke geschlüpft und sind eingepennt.“ Xaver wacht auf, als ein Reisebus sie entdeckt hat und sie zum Fotomotiv vor Postkartenkulisse werden. Die anderen beiden stört das wenig. Sie schlafen und schlafen und dann geht ein kleiner Schauer nieder. Als sie ihre leicht mit Regen besprenkelten Augen öffnen, erblicken sie das, wonach sie sich gesehnt hatten. Wellen. Und dann gibt es kein Halten mehr. Ab ins Wasser. „Wir haben Unstad Beach gesurft und es war geil“, posten das Team Ho'okahii hinterher auf seiner Facebook-Seite. „Es war arschkalt“, berichtet Thomas nach der Rückkehr, während er in der Sonne vor einem Café sitzt. „Aber es hat richtig gut getan, sich wieder zu bewegen“, ergänzt Robert.

Unglaubliche Landschaften

Ein kalter Wind zieht auf, Lagerfeuer und ein Treffen mit den anderen Teams wartet auf die drei. „Türkises Wasser, landschaftlich ein Wahnsinn, schneebedeckte Kuppeln und alles erinnert ein bisschen an die Südinsel von Neuseeland“, schwärmen die Rallye-Teilnehmer von der vielleicht schönsten Etappe ihrer Ostseeumrundung. „Es ist einfach unglaublich. Das ist Europa. Man muss gar nicht um die halbe Welt fliegen, um solche Landschaften zu sehen.“ Nur die Preise fürs Essen seien etwas happig: 44 Euro für drei Döner. Dafür sei es erlaubt, überall wild zu campen. Nur nicht in Sichtweite eines Hauses, aber da könne man dann einfach den Besitzer fragen, und meist werde es erlaubt.

Fahren, Schlafen, Schauen

Langsam lässt sich Gerda (ein Volvo 740GL) ohne GPS und Navi über die Landstraßen lenken. Seit dem Start in Hamburg hat sie sich als zuverlässig und bestens geeignet entpuppt. Mit ihren 29 Jahren hat sie schon so manchen Fahrer hinter ihr Lenkrad gelassen und erfüllt die Kriterien, um für den Baltic Sea Circle zugelassen zu werden. (Mindestens 20 Jahre alt.) Sie folgt Serpentinen, fährt durch die Wildnis oder über 1000 Kilometer monoton durch Russlands Steppe. Während einer nach zwei Stunden hin und her Geruckel auf dem Polster endlich die richtige Sitzposition hinterm Steuer gefunden hat und für die restlichen Fahrstunden nun in seiner durchgesessenen Mulde bleibt, trinken die anderen Bier, schlafen oder schauen zum Fenster hinaus und sehen die Landschaft vorbeiziehen. Vorbeirauschen wäre wohl zu viel gesagt, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 bis 70 Kilometern pro Stunde. „Wir fanden es ziemlich schade, fast alles nur durchs Autofenster zu sehen,“ bekennen die drei.

Auf die Reihenfolge kommt es an

Das Einzige auf der ganzen Tour, an das sich alle gehalten haben, war die Reihenfolge, wer wann ans Steuer darf. „Im Nachhinein hätten wir uns ein bisschen mehr abwechseln müssen“, gesteht Thomas ein. Jeder wollte sich vor den anderen beweisen und fuhr, bis die Augen zufielen. „Wenn Du einmal sitzt, dann sitzt Du“, wurde zum Motto der Fahrt.

Sechs Stunden warten

Beinahe zum Schluss kommt die nervenaufreibendste Etappe. Fast sechs Stunden brauchen sie, um von Russland nach Estland einzureisen. Bereits bei der Einreise nach Russland mussten sie drei Formulare per Hand ausfüllen, in denen alle Details, wie etwa Motorgröße, abgefragt wurden. Dann erhielten sie einen Wisch, der aussah wie ein Kassenbon bei Aldi und den Hinweis: „You lost this paper, you can’t get your car out of russia.“ Die wohl einzigen englischen Wörter, die sie auf ihrer Fahrt durch Russland hörten. Die Minen versteinert, die Blicke ernst. Doch als die Grenzbeamten entdeckten, dass Gerda nicht die einzige weibliche Begleitung der drei, sondern auch Astrid mit an Bord war, war das Eis gebrochen. Astrid ist das Pin-up-Girl, das die Innenseite der Holzbox mit Grillutensilien ziert und das die Beamten ein lautes Lachen entlockte.

Der Versuch mit einem Kitebaord zu snowboarden.

Land der Kontraste

Schiffswracks, die im Wasser verrotten, Parkplätze, die als Müllkippe benutzt werden und Städte, die auf Schildern nur kyrillisch durch die Straßen leiten. Aber auch gastfreundliche Menschen lernten die drei in Russland kennen. Bei einem konnten sie übernachten. Er kochte für sie mit Käse gefüllte Fischfrikadellen, sie konnten zum ersten Mal seit zehn Tagen duschen und lernten, dass nicht alle Russen Wodka mögen. Es gab Cognac. „Und seine Freundin hat uns für Außerirdische gehalten und durch den Bart gewuschelt“, erzählen sie lachend. Denn in Russland gebe es nur Männer mit kurzen Haaren und ohne Bart. Ganz anders als bei den Fremden aus Deutschland. Ein Land der Kontraste – wo ein alter Lada Niva, der eigentlich kaum noch fahren kann, neben einem nagelneuen BMW.

Zu wenig Wasserzeit

In Estland reicht dann die Zeit, um zum Kitesurfen aufs Wasser zu gehen und endlich lief ihnen ein Elch über den Weg, was sie den ganzen Weg durch Skandinavien nicht gesehen hatten. Endspurt. Und dann sind sie wieder zurück, der Po tut immer noch vom Sitzen weh und die erste Nacht im eigenen Bett wird zum Luxuserlebnis. Und würden sie wieder ins Auto steigen, wo sie jetzt die perfekte Position auf den Sitzen von Gerda kennen? „Dafür sind wir zu wenig Autoproleten“, lehnen sie lachend ab. Zu viel Fahrzeit, zu wenig Wasser- und „Rumpimmel“-zeit. Einfach mal die Natur genießen – nur aus dem Autofenster – ist zwar mal eine Erfahrung, aber muss nicht so bald wiederholt werden. Also wird sich Gerda, die mittlerweile über 400.000 Kilometer auf dem Buckel hat, wieder an einen neuen Besitzer gewöhnen müssen.

Bildernachweis: Team Ho'okahii

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