Lernen oder Trainieren?

von Friederike Hiller (Kommentare: 1)

Hungrig aufs Lernen, eine positive Sicht auf das Verbesserungspotenzial und mit Demut das Beste aus dem herausholen, was uns möglich ist: Tobias Schadewaldt nutzt seine Segelphilosophie nicht nur beim Training auf dem Gardasee sondern auch im Alltag. „Man kann ganz viele Dinge ein bisschen oder eine Sache richtig machen.“

Butterweich durch die Halse

Foto: STG/Wehrmann

Der Wind bläst stark. Der Gardasee zeigt, was er als Wassersportrevier zu bieten hat. Optimale Voraussetzungen um auf Risiko zu gehen. Denn wenn die Halse im Mexican Style von Raumwindkurs zu Raumwindkurs schief laufen sollte, ist die J70 aus dem Rennen. Der Gennaker steht gleich in der richtigen Position, das Boot gleitet butterweich durch. Fast fühlt es sich ganz leicht und einfach an. Ein breites Lächeln breitet sich auf den Gesichtern der Crew aus. „Wir haben es sehr simpel gehalten und es hat funktioniert“, freut sich Steuermann Tobias Schadewaldt. Es ist ein Highlight, das der Bundesliga-Segler vom NRV (Norddeutscher Regatta Verein) vom Trainingswochenende auf dem Gardasee im Gepäck hat, als er am Dienstag wieder durch Hamburg läuft.

Foto: Sven Jürgensen

Optimismus, Hunger und Demut

Leichter Wind und Regen läuteten die vier Trainingstage der insgesamt fünf Teams in norditalienischer Kulisse ein. „Das gibt es in der Bundesliga auch“, ließen sich die Segler durch die Bedingungen nicht die Stimmung vermiesen. Und dann kam er auch, der erhoffte Starkwind.

Der Wind drehte rechts, die J70 fuhr links. „Als Kommentator würde ich den Fehler jetzt analysieren, als Segler frage ich mich, wohin der Wind als nächstes dreht“, erklärt Tobias Schadewaldt seine positive Denkweise an Bord. Optimismus ist ein wichtiger Pfeiler seiner Bootsführung. So steht die Frage: „Wie können wir besser segeln?“, im Vordergrund und nicht der Fokus auf den Fehler und der Frage „Was haben wir alles falsch gemacht?“. Das positive Denken ist ein Teil der Segelphilosophie des 33-Jährigen, der diese mit insgesamt drei Schlagworten beschreibt. Die beiden weiteren sind: hungrig und Demut. Demut in dem Wissen, eigentlich nichts zu wissen, das anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Und hungrig bedeute, immer weiter zu lernen und sich verbessern zu wollen, erklärt der Segler.

Foto: Sven Jürgensen

Kleine Schritte anstatt direkte Duelle

Demut lehrte am Wochenende am Gardasee auch der italienische Trainer Diego Negri, Bronzemedaillengewinner der J70 WM aus dem vergangenen Jahr. „Wir sind im letzten Jahr ganz gut gesegelt, aber er hat uns gezeigt, dass wir von vielen Sachen keine Ahnung haben“, sagt der Personalentwickler und ehemalige Olympiasegler mit einem Lächeln in der Stimme. Die kontinuierliche Arbeit des Trainers habe das Team auf ein neues Niveau gehoben. „Er hat uns zunächst machen lassen, und dann Feedback gegeben. So konnten wir die blinden Flecken entdecken.“ Dann folgte eine sachliche Durcharbeitung. Schritt für Schritt wurde an den Manövern und Handgriffen gearbeitet und gefeilt. Sie hatten viel Zeit, um es wirklich richtig zu machen. Erst dann folgte der nächste Schritt. „Das ist der Unterschied zwischen Lernen und Trainieren.“ Sobald sich alte Fehler wieder einschlichen, wurde wieder unterbrochen. „Das ist sehr wertvoll“, so der Steuermann, der weiß, dass die Sisyphusarbeit um einiges weniger Spaß bereitet als der direkte Kampf mit einem Gegner auf dem Wasser. Doch mit Ruhe und Zeit und in kleinen Schritten lasse sich das Potenzial vergrößern. Da muss für den Moment der Drang danach, Rennen zu fahren und um Meter zu kämpfen, hintenan gestellt werden.

Foto: Sven Jürgensen

Viel hilft nicht immer viel

Die Materie durchdringen, nicht immer aus dem Bauch heraus die Aktionen abrufen, sei aber auch sehr bereichernd. „Mir macht es viel Spaß zu trainieren, das hat es immer schon.“ Früher habe Tobias Schadewaldt immer das Gefühl gehabt, er müsse noch mehr trainieren. Und dann kam die Erkenntnis, dass mehr Trainingsstunden nicht unbedingt mehr bringen. „Wichtig ist, was sich nach dem Training verändert hat.“ Ein schlechtes Gewissen habe er manchmal trotzdem noch, wenn er sieht, dass jemand mehr trainiert.

Foto: Sven Jürgensen

Eine Vision vom Ziel

So bringt jeder seine Persönlichkeit mit an Bord. So unterschiedlich alle Teammitglieder auch sein mögen, als Crew brauchen sie ein gemeinsames Ziel. „Allein bin ich nichts, allein kann ich das Boot nicht über den Kurs fahren.“ Das Mit- und Füreinander sei entscheidend. So entwerfe das Team eine Vision, ein inneres Bild davon, was erreicht werden soll. „Ich versuche darauf zu achten, dass alle an Bord ein inhaltliches Ziel haben. Dass wir wissen, was wir lernen wollen.“ So wie auch am Gardasee: Da stand die butterweiche Halse als Ziel fest.

Tobias Schadewaldt erklärt den Prozess der Zielfindung: „Ich brauche den Nervenkitzel, die Spannung und gewinne gerne. Aber nur, weil ich gerne gewinne, passiert es nicht." Also müsse ein Lernziel gefunden werden, wie eben die Mexican Halse.

Foto: Sven Jürgensen

„Die Dinge wirken viel größer, wenn man mitten drin ist.“

Ebenso wie die Segler ihre Persönlichkeit mit an Bord nehmen, so können sie auch aus ihrer Segelerfahrung für den Alltag profitieren. Beharrlichkeit, Verbindlichkeit, Konzentration und Optimismus sind für Tobias Schadewaldt nicht nur an Bord wichtig, sondern auch im Umgang mit anderen Menschen und im Berufsleben. Der NLP-Coach hat auch nach dem Gardasee-Wochenende eine neue Einsicht vom Wasser mit an Land genommen: Die Lösung ist manchmal ganz einfach und nicht so kompliziert, wie sie zu Beginn erscheine. Wenn man im Wust von Optionen stecke, nicht mehr wisse, wo oben und unten ist, kommt doch, während man daran arbeitet, Klarheit hinein. Auch wenn sie zunächst durch das Chaos nicht zu sehen ist. „Die Dinge wirken viel größer, wenn man mitten drin ist.“

Bildnachweis Titelfoto: Sven Jürgensen

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Gravatar von GERD KOEPCKE

GERD KOEPCKE

Hallo Jungs, dass habt Ihr super gemacht und Eure Einstellung ist toll.
Beneide EUch, denn ich wollte mit meinem Drachen immer einmal in Tobole segeln, aber nun ist es mit 80 zu spät. Weiter so, alles Gute und viel Erfolg.
Euer Sponsor

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