Freiheitsrebelleninnen der Wellen

von Friederike Hiller

Surfen ist Freiheit - das werden wohl die meisten bestätigen, die im Surfen ein Lebensgefühl gefunden haben. Doch was diese Freiheit wirklich bedeutet, hat Dörthe Eickelberg in ihrer fünfteiligen Dokumentation „Chicks on Boards“ sichtbar gemacht.

Frei von Restriktionen

Das Meer kennt keine Grenzen, aber an Land schränkt die Gesellschaft die Freiheit ein. Für einige ist der Weg aufs Wasser verbaut, für andere voller Hürden und steinig. Frauen jeden Alters, jeder Hautfarbe oder Religion, die surfen, sind immer noch keine Normalität – auch nicht im sich so aufgeschlossen präsentierenden Westen. „Man paddelt sich frei, von allen Restriktionen, die man an Land hat“, erklärt die arte-Moderatorin im ZDF Morgenmagazin ihre Leidenschaft fürs Surfen. Der facettenreiche Kampf gegen Grenzen führt sie nach Südafrika, Indien, Gaza, Hawaii, Frankreich und England. Daher sei Surfen nicht nur Spaß auf dem Wasser, sondern auch eine Meditation und eine Freiheitsbewegung.

Surfen als Provokation

„Sie surfen in Kulturen, wo es eigentlich eine Provokation ist.“ Von Frauen werde in vielen Kulturen erwartet, dass sie zuhause bleiben und „nicht draußen gegen die Naturgewalten ankämpfen.“ Die Begründungen dafür seien vielfältig. Häufig werde angeführt, dass es zu sexuell sei, die Kleidung zu eng anliege. „Ich glaube aber, das ist nur ein vorgeschobener Grund, weil von den Frauen nicht erwartet wird, dass sie am öffentlichen Leben teilnehmen und auch Stärke zeigen.“ Sie möchte mit ihrer Dokumentationsreihe (6.12. Teil 4 Hawaii/7.12. 5 Teil Frankreich/England auf arte – alle bisherigen Folgen sind noch in der arte-Mediathek) dazu anregen, auch über die mediale Darstellung nachzudenken. In den meisten Fällen werden weiterhin hauptsächlich Männer beim Surfen gezeigt, Frauen eher im Bikini von hinten am Strand, wenn sie aufs Wasser schauen, obwohl sie auch surfen können. „Ich möchte zeigen, dass Frauen in unterschiedlichen Farben, Formen und Skalierungen weltweit diskriminiert werden oder zumindest weniger Chancen haben als Männer.“

Entgegen allen Erwartungen

Südafrika: Suthu ist so gar nicht der Inbegriff des von der Surfindustrie genormten Surfers – jung, männlich, blond. Sie ist die erst schwarze Surferin Südafrikas. „Für mich ist das wie eine Therapie“, beschreibt die Ingenieurwesen-Studentin ihre Empfindung, wenn sie die Stärke der Welle spürt und dort allen Ballast abladen kann. Nicht nur, dass sie das Wasser nicht als Element spirituelle Reinigung (wie in ihrer Gesellschaft üblich) sieht, sondern sie setzt sich zudem über eine weitere Norm hinweg und hat sich für ein Leben mit einer Frau entschieden. Als lesbische Frau muss sie vor Männern auf der Hut sein. „Es ist etwas das sie nicht kontrollieren können und das macht sie so wütend.“ Doch sie weiß, dass es um mehr geht als nur für sich ein neues Lebensmodell zu kreieren. „Du öffnest die Türen nicht für Dich allein, sondern für alle, die nach dir kommen.“

Eigene Ziele und Träume

Indien: „Das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur, wie du dich den Kräften des Ozeans hingibst, das ist für mich der spirituelle Aspekt“, erzählt Aneesha, die in einem Surf-Ashram lebt und Profi-Surferin werden möchte. „In Indien nimmt man nichts ernst, wenn es einfach nur Spaß macht.“ Ihre Großmutter wandte sich von ihr ab, ihr Vater auch. Er warf sie und ihre Mutter raus. „Es ist eine patriarchalische Welt da draußen. Ich habe meine Tochter zum Training gebracht und war nicht zu Hause“, erzählt diese den Grund für den Rausschmiss. Doch sie hatte sich bereits bei der Geburt ihrer Tochter geschworen: „Was auch immer passiert, du wirst nie diskriminiert werden, weil du ein Mädchen bist.“ Und daher unterstützt sie ihre Tochter. „Die Männer hier können nicht damit um, wenn die Frauen unabhängig sind und ihre eigenen Ziele haben“, berichtet Aneesha. Auch in der Welt des Sports gibt es sie noch, die klaren Grenzen. Die Frauen werden bei den Meisterschaften bei den schlechteren Bedingungen rausgeschickt. Die guten Bedingungen bleiben den Männern vorbehalten. „Wenn es um die Jury geht ist Surfen immer noch sehr Macho.“

Fürs Surfen ist frau nicht zu alt oder ängstlich

Gaza: Ein Leben abgeschottet von der Außenwelt, nur auf dem Meer gibt es keine Grenzen. Surfbretter mussten von Tel Aviv nach Gaza gebracht werden, sonst gäbe es dort nichts. Sabahs Augen leuchten, herzlich lacht sie und die pure Freude lässt bei Sabahs letzter Welle vermuten, wie schwierig es für sie sein muss, das aufzugeben. Noch hofft sie, dass ihr Ehemann sie weiter surfen lässt und sie auch studieren und arbeiten darf. Doch verheiratet zieht sie ins Landesinnere und beugt sich der Tradition und Gesellschaft.

Hawaii: „Wenn du zögerst gibt Mutter Natur dir eine Ohrfeige, als würde sie sagen, was machst du hier draußen“, erklärt Paige, worauf es beim Big Wave Surfen ankommt. Eine der letzten Disziplinen, die noch bis vor kurzem ausschließlich in Männerhand war. Die Weltmeisterin im Big Wave Surfen zeigt ihren Weg zu den großen Wellen.

Frankreich/England: Christine und Gwyn, die ersten Surf-Landesmeisterinnen ihrer Länder sind heute 72 Jahre alt. Sie treffen zu einer Surfsession zusammen und zeigen, dass man fürs Surfen nicht zu alt werden kann – auch nicht als Frau.

Bildnachweis Titelfoto: Li Yang / Unsplash

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Wir verwenden eigene Cookies und Cookies von Drittanbietern aufgrund unseres berechtigten Interesses an zielgerichteter Werbung (Art. 6 Abs. 1 lit f DSGVO). Näheres in unserer Datenschutzerklärung.
Mehr erfahren