Alles kommt, alles geht

von Friederike Hiller

Noch ein Surfroman? Nicht ganz. Reisen, Abenteuer und Surfen stehen zwar auch in der Fortsetzung von „Boarderlines“ im Fokus. Doch „Boarderlines - Fuck you happiness“ ist mehr: Eine humorvoll und locker erzählte Geschichte zwischen überschäumendem Glück und bodenlos tiefem Fall. Auf der Suche nicht nur nach der besten Welle, sondern vor allem auch eine Suche nach sich selbst.

Beamtenapparat anstatt Wellen

„Was hat mich bloß hier hin getrieben? Ich habe eine Aktentasche ohne Inhalt unter dem Arm, obwohl da ein Surfbrett hingehört.“ Andi ist zehn Jahre lang um die Welt gereist, immer zu den verheißungsvollsten Wellen. Er hat gesurft, im Surfcamp gearbeitet und irgendwann festgestellt, dass ihm dies zwar zahllose Abenteuer eingebracht, aber auch einsam gemacht hat. Er beschließt ein neues Leben zu beginnen: ein Referendariat als Berufsschullehrer. Zermürbender Beamtenapparat, alles andere als das Hang-Loose der Surfer - Beurteilungsdruck und keine Welle, die den Kopf wieder frei werden lässt:

Um den Flug nach Sri Lanka in den Ferien bezahlen zu können, hat Andi den Rückflug auf einen Montag gelegt und einen Tag geschwänzt. „Sie haben eine Dienstanweisung missachtet!’ Das plötzliche Geschrei fährt mir so tief in die Knochen, dass ein Schlag durch meinen Körper jagt, der mich hoch hüpfen lässt, bevor ich wieder kerzengerade auf dem Stuhl erstarre.“ Die Episode lässt ihn aber in die Funktion des Beamtenapparats eintauchen. „Der kleine Wurm (ich) spurt, der Anführer (Gott, auch Brunner genannt) regiert, die disziplinarische Maßnahme fruchtet. Vom verrückten Schreihals zum mitfühlenden Vorgesetzten in weniger als 20 Sekunden. Der Unterwerfung sei Dank.“

Einfach ist natürlich alles andere als einfach.

Liebe und Surfen

Mit Partys und Alkohol lockert er den Alltag auf. Und dann lernt er Paula kennen, seinen kleinen Zwerg, wie er sie liebevoll bezeichnet. Eine Liebe, um die er kämpfen muss, da Paula noch nicht bereit ist.

Dennoch: In den Schulferien muss er raus, Flucht vor dem Alltag, Zuflucht beim Surfen und Reisen. „Ich brauche einen Tapetenwechsel. So was von!“ Immer auf der Suche. Aber ist es nur die Suche nach der perfekten Welle? Silvester sitzt er allein im Senegal: „Ich wollte Tapetenwechsel, nur war von Einsamkeit nicht die Rede.“ Doch auch der Zustand ist nicht von Dauer, das Gefühl des Aufbruchs macht sich breit. „Alles kommt, alles geht.“

Und als er zurückkommt, ist Paula bereit für eine Beziehung. „Ich hab’s geschafft, das Experiment ist geglückt, ich kann in Deutschland leben oder um die Welt reisen und bin nicht mehr allein.“

Seine Abschlussprüfung besteht Andi beflügelt von der Liebe mit Bravour - auch wenn er das Schulsystem weiterhin mit Argwohn betrachtet: „Die folgenden Themen sind in keinem mir bekannten Lehrplan des deutschen Schulsystems aufzufinden: Glück, Zufriedenheit, Genügsamkeit, Gefühle, Schwäche, Dankbarkeit und Liebe.“

Schule aus, Surfbrett gepackt und mit Paula die erste Fernreise in Costa Rica gestartet. Surfen, mit Kokosnüssen kämpfen und der Kauf eines 5000 Quadratmeter Grundstücks. „Glück ist, wenn der Verstand tanzt, das Herz atmet und die Augen lieben. Sicherheiten gegen die Ängste, die tief verborgen warten.“

Welcher Surfer hat Heldenstatus?

„Als der angesagt Swell reindonnert, verbinden sich die Sektionen der Welle zu einem Geschenk von Mutter Natur mit unfassbarer Länge.“ Über drei Minuten eine Welle zu surfen ist für Andi eine Überdosis Glück. In weiteren Episoden aus Surfcamps wird wieder der kleine Junge deutlich, der Spaß haben will. Gesprengte Colaautomaten und Party, Surfen, Party, Surfen. Er zieht mit Paula zusammen, arbeitet als Lehrer. Und in den Ferien wieder zum Surfen: In Mexico trifft er auf den US-Amerikaner Joe und die Frage nach dem echten Surfen stellt sich. Einen Heldenstatus, den jeder, der bereits in Gruppen mit Surfern, die über ihre Erlebnisse sprechen, kennt: „Neben der körperlichen Verfassung und einer respektvollen Ruhe im Blick, ist es vor allem der Umstand, dass gute Surfer meist wenige Wort verlieren. Joe macht lieber viele.“

Live is like a book. And those who just surf only know one page.

Meditation und Selbstfindung

Paula hat sich anderweitig verliebt und fremdgeknutscht. „Ich bin am Ende, aber ich funktioniere.“ Der Schmerz vermischt sich mit der Erkenntnis über den Ursprung des Unheils: „Die Furcht, nicht gut genug zu sein.“ Sorgen quälen im Alltag, die Beziehung soll halten, aber die Flucht zum Surfen ist notwendig. Und dann die Gewissheit: Andi ist wieder Single. Per SMS hat er es erfahren. „Sie ist der Bösewicht. Erst Engel, jetzt Luzifer.“ Die Selbstzweifel und die Verzweiflung rücken Maßnahmen zur Selbstfindung in seinen Fokus. „Zumindest liebe ich jeden Einzelnen. Außer mich selbst. Ich bin nichts.“

„In Indien würde der Gläubige jetzt zu Boden sinken und Shiva danken, weil jeder Zerstörung ein Neuanfang innewohnt. Ich will aber keinen Neuanfang.“

Vipassana soll es richten. Den ganzen Tag meditieren, Gleichmut üben, Gedanken ziehen lassen, ohne ihnen Bedeutung zuzumessen. Eine schwierige Aufgabe, die zu Beginn fast nicht machbar schein. „Die Freude tanzt, denn das Andi-Atom hat gerade 51 Sekunden meditiert“. Und zu ungeahnten Erkenntnissen führt. „Angst ist Empfindungsweltrekord. Angst ist wundervoll.“

Andi begreift, dass das Surfen ihn weder von allem heilen kann noch der Sinn des Lebens ist. „Live is like a book. And those who just surf only know one page.“

In seinem Sabbatical, das nicht nur große Wellen und viele neue Surfeindrücke bringt, führt sein Weg nach Hawaii zu einer neuen Dimension der Selbstfindung. Und der Erkenntnis, dass, nachdem Paula nun auch noch einen Neuen hat, die einzige Möglichkeit sich besser zu fühlen, in der Findung des wirklichen Übels liegt. „Nicht nach Glück zu suchen. Sondern einfach zu sein, einfach geschehen zu lassen. Ziellos. Einfach ist natürlich alles andere als einfach.“ Und da das nächste Sabbatjahr für ihn bereits in greifbarer Nähe liegt, entscheidet sich der Autor Andreas Brendt dafür, dass das Leben ein Tanz ist. „Es ist das Ego, solange wir ihm Bedeutung schenken. Aus diesem Grunde können zwei Menschen in völlig identischen Situationen sehr froh und sehr unzufrieden sein.“

Boarderlines-Fuck you happiness: das Fazit

Der 41-jährige gebürtige Kölner Andreas Brendt folgt seiner großen Passion: dem Surfen. „Vielleicht habe ich das Buch ‚Fuck you happiness’ genannt, weil wir eine bescheuerte Vorstellung vom Glück haben. Lottogewinn, Reisen, Sex.“ Aber genau diese neue Dimension macht das Buch so spannend. Es ist nicht, wie der Vorgängerroman, eine Ansammlung von Surfepisoden aus aller Welt, die zu Beginn noch mit Humor den Entdecker- und Fernwehgeist wecken, aber spätestens nach einer Weile langweilen. Der zweite Teil ist thematisch vielfältiger, offenbart Gefühle abseits des Surfens und wirft einen Blick hinter die coole Surfer- und Abenteurerfassade. Die Erzählung macht Andi lebendig. Es gibt viele Passagen, in denen sich der Leser wiederfinden kann. Ab und zu stockt der Lesefluss. Schuld sind doch etliche Rechtschreib- und Grammatikfehler. Im Schlusswort des Romans räumt der Autor dies bereits ein. „Fehler. Es gibt vermutlich jede Menge.“ Eine Aussage, die nur bejaht werden kann, aber damit der Erzählung den negativen Schleier wieder nimmt. Ebenso fragt sich der geneigte Leser, was aus dem Grundstück in Costa Rica geworden ist. Auch das wird im Nachwort aufgeklärt.

Mit Humor, Leichtigkeit, Ehrlichkeit und dem Blick über den Surf-Tellerrand ist Andreas Brendt ein Roman gelungen, der mehr ist als „nur“ ein Surfbuch. Fazit: herrlich erfrischend!

 

 

Bildhinweis: Conbook-Verlag

Boarderlines - Fuck You Happiness (+ E-Book inside), Conbook-Medien GmbH, 2015, 382 Seiten, ISBN: 978-3-95889-120-3

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