Physik wird Emotion

von Friederike Hiller

Die alte Dame will es wissen. Freudig tobt sie los, rauscht über die Startlinie und lässt sich von ihrem Skipper über den Kurs auf der Kieler Innenförde beim Rendezvous der Klassiker bringen. Die „Astral“ kommt als Erste von vier Spitzgattern ins Ziel.

Jede Halse muss überlegt sein

Foto: Jens Burmester

Vier Beaufort, in Böen sechs: So lautete die Windvorhersage für die Kieler Innenförde am Samstag. Und so kam es auch. „Ein Lotto-Spiel aufgrund der Böen“, zieht Jens Burmester vom Freundeskreis Klassische Yachten und Eigner der „Astral“ sein Fazit. Ein Lotto-Spiel, bei dem er auf die richtige Taktik setzte und nach etwas mehr als zwei Stunden die Ziellinie überquerte. „Es ging sehr lebendig auf dem Wasser zu. Es ist schon ein tolles Gefühl vor dem Start, alles zittert irgendwie, weil es so gespannt ist.“ Seine Crew war nicht nur damit beschäftigt, die „Astral“ im Zaum zu halten, sondern genoss es auch von den anderen Schiff-Schönheiten umgeben zu sein. Schnell an zu kommen, ist nur ein Ziel. Das zweite: keinen Bruch fahren. Jede Halse musste überlegt sein. „Es ist grenzwertig, bei dem Wind zu halsen. Wir haben ein riesiges Großsegel und nichts, was den Mast nach achtern hält.“ Ein Achterstag sucht man auf dem Spitzgatter vergeblich.

Etwa 50 Klassiker von den großen 12mR bis zu den kleinen Folkebooten waren in sieben unterschiedlichen Wertungsgruppen am Start. Doch trotz verschiedener Bugformen, Längen, Segelflächen und Crew-Größen haben die Jachten alle eines gemeinsam: Ihr Baujahr ist 1970 oder früher und sie sind in klassischer Bauweise durch einen Bootsbauer individuell hergestellt. Jedes Einzelstück ist Handarbeit. Nicht reproduzierbar, wie die Kunststoff-Jachten und daher so einzigartig und mit einem Charme, der die Zuschauer in seinen Bann zieht.

Liebenswerte Schönheitsfehler

Während die Crews klar Schiff machen oder bereits mit einem Getränk im Cockpit sitzen und die Beine von sich strecken, lassen sich die Holz-Schönheiten mit allen Sinnen erkunden. Selbst kleine Schönheitsfehler erzählen eine Geschichte, die das Holzschiff mal auf melancholische mal auf humorvolle Art besonders und damit auch so liebenswert macht. Wie die „Astral“, die 1939 aufgrund der Materialknappheit in Zeiten des Zweiten Weltkrieges auch Holzteile eines Baumes aufweist, die normalerweise im Bootsbau nicht verwendet werden – wie der Kern oder die oberste Schicht unter der Rinde, erklärt Burmester. 1946 konnte sie auch erst zu Wasser gelassen werden, da es vorher kein Blei für den Kiel gab.

Eine Begegnung, die berührt

Wer sein Boot liebt – wie es im Feld der Segler der klassischen Jachten spürbar ist - der setzt es nicht aufs Spiel. Er fordert es, es kämpft hart in Regatten und schenkt seinen Gegnern nichts, aber er lauscht auch auf die Stimme seiner alten Dame. Denn die ist meist sehr klar. Die Basis für die Kommunikation Schiff und Steuermann wird in der ersten Saison gelegt. „Die wirkliche Beziehung zum Schiff entsteht im Winter“, so Burmester, der das Jahr in zwei Saisons einteilt. Die Erste zum Arbeiten und bei Kälte und harten Bedingungen die Jacht hegen und pflegen. Die Zweite bringt dann die Erfüllung. Das Segeln „bringt einem Etwas.“ Wenn dann bei der Regatta die 50 Schichten Farbe an einer Stelle des Rumpfes absplittern ist klar, welche Arbeiten im nächsten Winter warten. Doch es zeigt auch, wie sich so ein Boot mit allen Sinnen genießen lässt. Denn dadurch strömt der Geruch des Waldes herüber. 80 Jahre ist das Holz bereits im Spitzgatter verarbeitet. Der Mast ist ein Baum aus Dänemark, der dort vor vielleicht 100 Jahren gestanden hat.

Das Schiff lässt den Segler nicht mehr los

Ein Genuss für die Augen, der Geruch des Waldes und die ganz besondere Haptik, wenn die Hand über das Holz fährt und das lebendige Material spürt. „Haptik ist ganz wichtig, und Ästhetik“, so Burmester. „Dadurch lässt es einen nicht los. Natürlich ist es irgendwo ein Gegenstand, aber es spricht auch mit einem und reagiert auf das, was man ihm zumutet.“ Beispielsweise tanzte der Mast Limbo als die Welle auf der Ostsee am Freitag höher wurden. Der Skipper reagierte, steuerte die Wellen aus.

Wenn sich die Dame auf die Seite legt und das Wasser knapp unterhalb des Cockpits über ihr Holz rauschen lässt, kein Klappern, kein metallisches Scheppern, nur das Rauschen des Wassers, des Windes zu hören ist, dann sind die Segler den Elementen ganz nah.

Zurück

Einen Kommentar schreiben