Kolumne: Lemminge und Rudelbildung

von Friederike Hiller

Wissen andere wirklich, wo es am besten im Line-up ist? Und warum treten Surf-Schulen immer in größeren Rudeln auf, die eine normale Gruppengröße sprengen?

Romantisches Surfrevier

Der Blick schweift über den feinen goldgelben Sand, bleibt am türkisen Wasser hängen, das nacheinander eine Reihe an Wellen an Land schickt. Die bäumen sich auf, bevor sie tosend und auf die Wasseroberfläche aufschlagen und sich dabei ihre wunderbare blau-grüne Färbung in schäumendes Weiß verwandelt. Der salzige Geruch des Meeres weht über den Strand und hinterlässt einen leichten Salzfilm auf der Haut – auch bei denen, die das Wasser noch nicht betreten haben. Vielleicht könnte dieser Ort nicht nur als Sportparadies für Surfer gelten, sondern auch als durchaus romantisch gesehen werden. Doch dann schwenkt der Blick nach links.

Lange Menschenreihe

Und entdeckt sie. Eine nicht mehr aufhörende Anzahl an Menschen, die Surfbretter unter den Armen tragen, gekleidet im schwarzen Neopren mit farbigen Applikationen, schlendern sich den Stand entlang. Immer mehr strömen nach. Langsam formieren sie sich zu Gruppe. Sodass etwa zehn Menschen an einem Platz stehen bleiben. Die nächste Gruppe lässt sich etwa 50 Meter weiter nieder. Doch die Menschenschlange nimmt noch kein Ende. Bis irgendwann etwa 60 bis 70 Menschen innerhalb weniger Minuten den Strand bevölkert haben und nun in ihren Gruppen im Sand sitzen und dem Surflehrer lauschen.

Wo bleiben die 100 Pop-up?

„Zu Hause mache ich auch Yoga“, erklärt eine Teilnehmerin ihrem Surflehrer. Nur wenige Meter entfernt ruft ein anderer Hepp und lässt seine Schüler aus dem Sand aufspringen. „Mindestens 100 Mal macht ihr das jetzt“, fordert er sie auf, ihren Pop-up zu verfestigen, nachdem er sie akribisch korrigiert hat. „Spring nicht, sonst verlierst du die Balance, stelle die Füße nacheinander auf“, ruft er einer Teilnehmerin zu, die daraufhin sofort wieder zu Boden geht. Ihre Nachbarin grinst, wirft ihre blonden Haarsträhnen in den Nacken und verweilt in ihrer Surferpose bis sie begutachtet wurde. Nach etwa drei Versuchen wird dann das Pop-up-Training unterbrochen, die restlichen 96 Mal scheinen die Schüler im Weißwasser auf ihren Schaumboards machen zu müssen.

Nie allein, immer im Rudel

Zum Glück ist es ein lang gezogener Strand. Fällt der Blick nach rechts, sind weitere Peaks zu erkennen, an denen niemand ist. Schnell das Board geschnappt, dorthin gelaufen und ins Line-up gepaddelt. Doch kaum ist der Platz eingenommen, erblicken benachbarte Gestalten, dass an dieser Stelle anscheinend was gehen muss, warum würde hier schließlich sonst ein Surfer sitzen. Freudestrahlend kommen sie an den Platz gepaddelt. Und schon ist es wieder vorbei mit der Einsamkeit im Line-up. Aber der Strandabschnitt ist ja noch lang. Mal sehn, wie lange das Lemminge-Verhalten anhält und wie viele Sandbänke erreicht und Channels durchquert werden müssen, bevor es keine Verfolger mehr gibt und sich jeder darauf verlässt, dass er selbst erkennen kann, wo die Wellen brechen.

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