Heiße Hintern beim Eisarsch?

von Friederike Hiller

Sonne, eingezwängte Körper, hochprozentiger Alkohol und zu wenig Wind zum Kentern: so blieben die Hintern eisfrei und gut gewärmt. Wohlgemerkt die männlichen Hinterteile – die weiblichen durften nicht in den Optis Platz nehmen. Auch bei der 50. Auflage der Eisarsch-Regatta auf dear Wakenitz sträubten sich die Alteingesessenen nicht nur knackigen, jüngeren Modellen, die weniger als 25 Jahre alt sind, einen Platz einzuräumen, sondern lehnten auch weiterhin vehement die Vermischung mit den weiblichen ab.

Eisig strenge Regeln der himmlischen Regatta

Vermutlich ging den eingefleischten Segel-Männern sprichwörtlich der Arsch auf Grundeis als sich vor einigen Jahren – es war der 6. Dezember 2008, einfach so jemand über die „eisig strengen Regeln des Rückzugsgebiets für Männer“, wie Heike Gercken, Jugendwartin des Neustädter Segelvereins die Eisarsch-Regatta betitelte, hinwegsetzte. Aus Heike wurde Heiko und nach der Ziellinie wurde aus dem verkleideten Nikolaus ein Engel – als das wallende, blonde Haar zum Vorschein kam. „Die Männer sollen ihren Frohsinn auf dieser himmlischen Regatta haben – aber nicht versuchen, die Frauen davon auszuschließen,“ schrieb daraufhin Heike Gercken und interpretierte den christlich, weihnachtlichen Lukas-Text ganz neu: Es sei eine große Freude, die den segelnden Männern widerfahren werde, dass auch Frauen mitsegeln und die Regatta bereichern möchten.

Der Spinnaker-Nachbau führte zwar zur Verwirrung unter der Konkurrenz, nicht aber zum seglerischen Erfolg.

Foto: segel-bilder.de/LYC

Segel-Männer unter sich

„Die Frage nach Frauen beim Eisarsch ist ein heißes Eisen, denn wir haben es intern beim LYC viel diskutiert“, erklärte Jan Stemmler vom Lübecker Yacht-Club. „Ich hätte gerne beim 50. Eisarsch auch Frauen zugelassen. Letztlich war eine Mehrheit im Vorstand aber dagegen; unsere Vorstandsmitglieder und auch unsere LYC-Vorsitzende sehen das Alleinstellungsmerkmal der echten Eisarschregatta als höheres Gut an, als die Öffnung der Regatta für Frauen.“ Haben die Segel-Männer Angst, dass ihnen der Spaß abhanden kommt, wenn sie nicht mehr unter sich sind. Oder dass sie nicht mehr mit Begrifflichkeiten wie „Arsch“ um sich schmeißen können? Auf jeden Fall wollen die Männer beim Eisarsch-Original unter sich sein, während beispielsweise bei der Kalten Kanne oder anderen Regatten auch Frauen mitsegeln. Das Argument, dass eh keine Frau mitsegeln werde, hat bereits Heike Gercken widerlegt, die sich ins männliche Feld schmuggelte. „Ich hätte gerne wenigstens den Versuch gestartet, Frauen zuzulassen; wir hätten dann gesehen, wie groß das Interesse an weiblichen Teilnehmern tatsächlich wäre“, so Jan Stemmler. Ein Testballon zum Goldenen Jubiläum hat es nicht gegeben. Die Stammtischrunde der Eisarschgilde, die die Regatta ins Leben gerufen hat, ist sich treu geblieben.

Thomas Schulz darf sich Eisarsch nennen - er hatte die Opti-Nase vorn.

Foto: segel-bilder.de/LYC

Vergrößert, versegelt, verdreht

Und so quetschten sich am Sonnabend 57 erwachsene Hintern in Kinderboote – Optimisten - und segelten um den „Eisarsch“-Titel. Anstatt der angekündigten zwei bis drei Windstärken kam der Westwind meist nicht über ein bis zwei hinaus. Und zum Jubiläum gab es dann doch noch eine Premiere: der Gate-Start. Nachdem es in den vergangenen Jahren immer wieder massenweise Frühstarts gegeben hatte, wurde das in diesem Jahr mit dem Torstartverfahren vermieden. „Wir haben das vorher mal mit vier Optis ausprobiert. Es hat gut geklappt. Ich bin ganz begeistert“, so der Chef-Organisator. Trotz Neuerungen, die für eine professionelle Regattadurchführung sorgten, nahmen die Segler das Rennen trotzdem nicht bierernst. Nicht ganz regelkonform war dann auch der Einsatz eines Spinnaker-Ersatzes in Form eines Regenschirms. Bei dem lauen Lüftchen ein durchaus nachvollziehbares Manöver, um ins Ziel zu kommen, bevor es dunkel wird.

Das heißt aber nicht, dass nicht auch Ehrgeiz auf der Regattabahn aufbrandete. Insbesondere an der Spitze verließ sich Ingo Hüter vom Lübecker SV auf eine gute Startposition. Er ging schnell in Führung und der Sieg schien schon greifbar, als er sich verfuhr, die Tonne verpasste und so Thomas Schulz aus Segeberg den Sieg überlassen musste. Dieser genoss das laue Lüftchen mit drehenden Winden, das ihm vom Segeberger See so bekannt vorkam und ihm auch auf der Wakenitz so etwas wie einen Heimvorteil verschaffte. Im Opti seines jüngsten Sprösslings überquerte er bei seiner zweiten Eisarsch-Regatta als erstes die Ziellinie. „Ich hatte gleich das Gefühl, dass Ingo einen Fehler gemacht hat. Dass ich nun gewonnen habe, kommt aber völlig überraschend.“

Ingo Hüter schwelgte bereits in Siegesträumen als er eine Tonne verpasste und auf den sechsten Platz zurück fiel.

Foto: segel-bilder.de/LYC

Favoriten mit Startproblemen

Titelverteidiger Matthias Düwel und Rekordsieger Sven Kruse hatten hingegen mit dem neuen Startmodell zu kämpfen. Als das Motorboot sich von der Starttonne beim Startboot immer weiter entfernte und so zwischen sich und der Tonne die Startlinie aufzog befanden sich die beiden in keinen guten Ausgangspositionen. Trotzdem konnten sie einiges aufholen und landeten noch in den Top-Fünf und zeigten sich damit ganz zufrieden. Spätestens an Land entschädigten Glühwein und warme Worte für die harten Segel-Kämpfe.

Wenig Platz für viel Körper: Jens Kath, Sportlicher Leiter der Travemünder Woche, füllte den Opti vollständig aus.

Foto: segel-bilder.de/LYC

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