Problemzonen des Ozeans

von Friederike Hiller

Der Ozean: wunderschön und bedroht. Er wird als Industriegebiet genutzt, muss die Auswirkungen des Klimawandels verkraften, Verlust der biologischen Vielfalt, Überfischung und Verschmutzung. Das versetzt den Sehnsuchtsort Meer in ein wenig romantisches, sondern schockierendes Licht. „Das wir so wenig über den Ozean wissen, da das Leben in der Tiefsee für alle Menschen auf der Erde noch unbegreiflich und unerforscht ist, das ist vermutlich der wahre Grund der heutigen so dramatischen Lage“, so Esther Gonstalla, die mit Ihrem Ozeanbuch Wissenslücken schließt.

Mir wurde damals klar, dass umso mehr ich über den Ozean wusste, umso mehr ich mich in ihn verliebt habe, umso mehr Respekt ich vor ihm hatte, desto mehr wollte ich ihn beschützen.

Verständliches und detaillreiches Bild

„Die Zeit der Verhandlung ist vorbei, die Zeit der Handlung ist längs überfällig“, zitiert Gonstalla Prof. Axel Timmermann von der Universität Hawaii im Hinblick auf den Ozean der Zukunft, der wärmer und sauerer sein wird und eine geringere Artenvielfalt und Korallenbleiche aufweist. Er ist einer der Experten, die in „Das Ozeanbuch – über die Bedrohung der Meere“ von Esther Gonstalla zu Wort kommen. Mit detaillierten Grafiken, die bereits auf den ersten Blick ein klares Bild zeichnen und die Probleme des Meeres deutlich vor Augen führen, begibt sich die Buchgestalterin und Infografikerin Gonstalla (die in Deutschland und Französisch Polynesien lebt) mit dem Leser auf eine informative Reise durch die Problemzonen der Ozeane und erklärt die Zusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und den Auswirkungen auf den Lebensraum Meer.

 

Wir brauchen die Ozeane - die Ozeane uns nicht

„Jeder Fußabdruck, den wir Menschen auf diesem Planeten hinterlassen – seien es Abgase aus fossiler Energie oder unser Müll – endet letztendlich in unseren Ozeanen und verändert sie nachhaltig. Damit schaden wir uns nur selbst, denn die Ozeane werden uns Menschen sicher überleben. Wir Menschen brauchen die Ozeane – die Ozeane den Menschen nicht!“, so Frank Schweikert, Vorstand Deutsche Meeresstiftung.

Aber was bewirkt die Erwärmung der Ozeane? Wie verändern sich Meeresströme und der Meeresspiegel? Wie wichtig ist die Artenvielfalt für das Ökosystem Meer? Wo sind die Müllstrudel und auf wie vielen Wegen kommt die Verschmutzung ins Meer und somit in die Nahrungskette?

„In diesem Buch werden vor allem die Problemzonen des Ozeans eindrucksvoll beleuchtet. Ich wünsche mir, dass es uns ermutigt, über bessere Lösungen und einen nachhaltigen Umgang mit dem Ozean nachzudenken“, zieht Prof. Martin Visbeck vom Geomar-Institut sein Fazit.

Kleine Fischer, große Industrie

Beispiel Problemzone Überfischung: „Mehr als 1 Milliarde Menschen sind weltweit auf Fisch als primäre Nahrungsquelle angewiesen“, schreibt Gonstalla. 12 Millionen Menschen sind weltweit in der traditionellen Fischerei beschäftigt. Hingegen arbeiten in der industriellen Fischerei nur 500.000 Menschen, sie bringen aber Tonnen an Fisch ein – im Gegensatz zur den noch in Kilogramm gerechneten Mengen der Traditionsfischer. „Die weltweite Fischfangflotte wird auf 4,7 Millionen Schiffe geschätzt, sie haben das Potenzial, einen weit größeren Fang zu erwirtschaften, als die Fischbestände hergeben.“ Hinzu kommen gefährdete Haie, Delfine und Schildkröten, die als Beifang verenden oder gezielt gefangen oder getötet werden. Doch Gonstalla zeigt nicht nur die verschwenderische, ressourcenvernichtende Gegenwart auf, sondern gibt auch einen Ausblick auf die Fischzucht der Zukunft, die Integrierte multitrophische Aquakultur, bei der es beispielsweise nicht zur Überdüngung im Bereich der Zuchtanlage kommt und das ökologische Gleichgewicht erhalten bleibt.

Buch ohne Barriere

Die Idee zu dem Buch kam der Autorin durch die sichtbarste Problemzone der Ozeane: die Verschmutzung. 2012 packte sie der Surf-Virus und sie begann, ihre gesamte Freizeit im Wasser zu verbringen. Damals hatte sie gerade ihr letztes Buch zum Thema Klimawandel abgeschlossen. „Das angesammelte Wissen zu den negativen Effekten des Klimawandels und die Rolle, die der Ozean als positiver Puffer darin spielt und mit der täglichen Konfrontation der Ozeanverschmutzung, die ich beim Surfen und beim Strand-Spaziergang unentwegt vor Augen hatte, das beides und das eigene Gefühl der Unwissenheit hat mich dazu bewogen für dieses Buch zu recherchieren, mich mit Wissenschaftlern zu beratschlagen, es Grafik für Grafik zu zeichnen und zu gestalten und schließlich in Texten für jeden verständlich zu machen“, erklärt sie. Dabei sei es ihr wichtig gewesen, Licht ins Dunkel zu bringen und das Thema so aufzubereiten, dass es auch für Menschen, die sich nicht ständig mit wissenschaftlichen Studien beschäftigen und noch keinen Einblick in die komplexen Probleme des Ozeans hatten, verständlich ist. „Es sollte ein Buch ohne Barriere sein, kein Wissen voraussetzen und so einfach und interessant wie möglich Zusammenhänge darstellen.“ Die reduzierten Darstellungen sollen dabei dem Leser Raum für eigene Ideen geben.

Ich liebe den Ozean, ich liebe es zu surfen, zu schnorcheln, zu kayaken, Fische zu beobachten und mit Haien und Delfinen hier in der Lagune zu schwimmen. Es ist für mich unglaublich wichtig, am Meer zu leben. Es gibt mir Ruhe und Kraft und trotz der vielen negativen Zeichen der Zerstörung, die für mich fast täglich im Wasser hier in Moorea in Französisch-Polynesien sichtbar sind, gibt mir das Meer auch Hoffnung. Darauf, dass wir es in meiner Lebenszeit noch schaffen, den richtigen Weg einzuschlagen in Sachen Ozeanschutz.

Es gab ein Leben ohne Plastik

Und der Weg zu einem sauberen Ozean fängt bei jedem zu Hause an: „Weniger Plastik verbrauchen und so gut wie keines mehr neu kaufen, vorhandenes wiederverwenden und Alternativen suchen und finden. Es gibt für alles Alternativen. Es gab ein Leben ohne Plastik und es wird wieder eines ohne Plastik geben müssen in der Zukunft.“ Zudem rät Gonstalla, sich bewusst zu machen, dass bereits mit Seife, Shampoo und Putzmittel Chemikalien in dem Ausfluss verschwinden. „Das kann man alles auch bio kaufen oder selber schnell herstellen und spart damit auch noch Geld. Ein konkretes Beispiel: flüssiges Waschmittel lässt sich aus Gallseife, Bicarbonat und essentiellen Ölen herstellen.“ Das bringe eine Kostenersparnis von etwa 100 Euro im Jahr. Die Herstellung für ein Jahr Wäsche waschen benötige nur etwa 30 Minuten. „Und schon hat man saubere, chemiefreie Wäsche und weniger POPs (gefährliche nicht abbaubare Chemikalien) im Ozean.“

 

Bildnachweis Titelfoto: Anastasia Taioglou on Unsplash

Wir sind mit dem Meer verbunden. Wenn wir zu ihm zurückgehen, sei es zum Segeln oder zum Beobachten, dann gehen wir dorthin, wo wie einst herkamen“, John F. Kennedy.

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