Kiter suchen Wind - Vögel windstille Plätze

von Friederike Hiller

Viele Studien, ein Ergebnis: Sie sind mangelhaft. Zu diesem Schluss kommt das Cowi-Gutachten zum Thema Kitesurfen und Vögel. Kitesurfen als wesentliche Störursache herauszuheben, sei nicht gerechtfertigt.

Nein zu Verbotszonen nur für Kiter

„Wir hoffen, dass wir den Antrag gekippt bekommen und dass endlich alle emissionsfreien Wassersportarten gleichgestellt werden – auch das Kitesurfen“, erklärt Gerhard Dietrich, Vorsitzender des Vereins Love it like a local (Lilal) im Hinblick auf die drohenden Kiteverbote. Isolierte Verbote nur für Kitesurfer ohne Beachtung anderer menschlicher Störfaktoren für Vögel seien sinnlos. Darauf macht der Verein seit Jahren aufmerksam – nun hat eine Studie des Wissenschaftsinstituts Cowi dies bestätig. Die bisher erstellten Studien und Gutachten zu dem Thema, die zur Begründung des Kiteverbots an der Nordseeküste erstellt wurden, wurden überprüft und bewertet.

Behauptete Störwirkungen kritisiert

Wenn es um Umwelt- und Naturschutzbelange geht, ist das Cowi-Institut kein unbekanntes und kann viel Erfahrung auf diesem Gebiet vorweisen. Umso mehr freuten sich Jörgen Vogt, Geschäftsführer Global Kitesports Association, Nadine Reimers, Vorstandsmitglied des BoardSport Vereins, und Gerhard Dietrich über die Ergebnisse der Studie zum Thema Kiten und Vögel, die von Steffen Brøgger-Jensen, Chief Specialist Biodiversity Water & Nature bei Cowi, auf der Pressekonferenz am heutigen Dienstag in St. Peter Ording vorgestellt wurden. Die Studie „Kitesurfing and Birds – A Review“ hinterfragt und kritisiert die auf Grundlage der vorangegangenen Studien behauptete Störwirkung des Kitesurfens auf Vögel.

„In dem Gutachten steht nichts anderes, als wir schon vorher wussten“, verweist Gerhard Dietrich darauf, dass der Verein bereits seit Jahren um eine allumfassende und unvoreingenommene Betrachtung kämpft und nun froh ist, eine wissenschaftlich fundierte Bestätigung bekommen zu haben.

„Kitesurfen ist für mich eine der Sportarten, die am nächsten mit der Natur verbindet! Da freut es mich natürlich sehr, dass wir jetzt auch wissenschaftlich als ungefährlich für die Vögel eingestuft wurden und hoffe, dass uns die schönen Kitespots an Nord- und Ostsee erhalten bleiben. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch mal bei allen Beteiligten für den Einsatz bedanken und auch bei allen Kitesurfern, die weiterhin respektvoll mit unserer Natur umgehen!“, erklärte Profi-Kite-Surfer Mario Rodwald, der sich für den Naturschutz auch mit eigenen Projekten einsetzt.

 

Alles kann stören

„Jede menschliche Aktivität, die stattfindet, wo Vögel vorkommen, stört die Vögel voraussichtlich“, heißt es in der Cowi-Studie. Also dürften Kiter nicht isoliert betrachten werden, wenn in demselben Gebiet auch beispielsweise Spaziergänger oder Kanuten unterwegs sind. „Im Vergleich zu anderen und weiter verbreiteten häufiger stattfindenden Freizeitaktivitäten in Küstenzonen, können die Störwirkungen des Kitesurfens aufgrund der unregelmäßigen Ausübung des Sports unbedeutend sein“, macht das Gutachten deutlich, dass Kitesurfen weniger störend ist als andere menschliche Aktivitäten. Die Störwirkung des Kitesurfens sei mit der des Windsurfens vergleichbar.

Zudem geben die Verfasser der Studie zu bedenken, dass eine Verallgemeinerung nicht gerechtfertigt sei. Wenn also in einem Gebiet unter bestimmten Bedingungen sich Vögel und Menschen auf eine Art und Weise zueinander verhalten so sei dies nicht auf andere Gebiete und andere Bedingungen übertragbar. Denn jedes Gebiet habe seine speziellen Bedingungen an Infrastruktur, menschlicher Aktivität, Wassertiefe, Wind und Artenvorkommen.

Mangelhaft in Inhalt und Methode

Als mangelhaft wird auch bewertet, dass die bisherigen Studien und Gutachten nicht versucht haben, die Störwirkungen von natürlichen Feinden wie Raubvögeln oder Säugetieren mit einzubeziehen. Auch die Jagd in Küstengebieten sei in keinem Gutachten berücksichtigt worden. Hingegen wird widerlegt, dass Kites für die Vögel wie ein Raubvogel aussehen könnten. „Es bestehen keine Anzeichen dafür.“

„Ein weiterer potenzieller Mangel in den vorhandenen Studien wird offensichtlich, wenn nachgewiesen wird, dass Vögel vor und nach einem Kitesurf Ereignis in einem bestimmten Gebiet vorhanden sind, jedoch keine oder nur wenige Vögel während des Ereignisses. Mehrere Gründe in Bezug auf Wind, Wassertiefen, Auswirkungen von Ebbe und Flut usw. können erklären, warum ein bestimmtes Gebiet unter bestimmten Bedingungen zum einen für Vögel und unter anderen Bedingungen eher für Kitesurfer geeignet ist.“ Bestimmte Wassertiefen und eine bestimmte Mindestwindstärke schränken das Kitesurfen mehr als die meisten Küstenaktivitäten ein. Die Verfasser der Cowi-Studie erklären, dass ruhende Vögel flaches, ruhiges Wasser bevorzugen – dahin dringen die Kitesurfer allerdings nicht vor. Die Wassertiefe, die Kitesurfer benötigen, sei weit genug von beispielsweise Schlick- und Sandwatten oder Brutplätzen entfernt. Und auf dem offenen Wasser gelte: Je mehr Wind, desto weniger Vögel, aber desto mehr Kiter. Der Verursacher dieses Phänomens ist dabei der Wind, nicht der Kiter. Dass in einer windstillen Bucht viele Vögel zu beobachten sind und dann in derselben Bucht bei stark auflandigem Wind weniger oder keine, aber dafür Kiter, führe zu der Fehleinschätzung, dass die Kiter diese verscheucht haben, obwohl sie nur in windstillere Bereiche gewechselt sind.

Daher sieht Cowi die bisher erstellten Studien nicht nur inhaltlich als problematisch an. Der Fehler steckt auch in der gewählten Methode. Der sogenannte Vorher-Nachher-Vergleich hinke. Denn er zeige nur, dass vor dem Kitesurfen mehr Vögel da waren als zu dem Zeitpunkt, als Kitesurfer auf dem Wasser waren. „Hierbei wird jedoch nicht in Betracht gezogen, dass die Vögel aufgrund der Wetterbedingungen (Wind und Seegang) Schutz in ruhigeren Bereichen gesucht haben und nicht aufgrund des Kitesurfens.“

 

Unvoreingenommenes Bild auf tatsächliche Störwirkung des Kitesurfens sinnvoll

Cowi sieht es als große Herausforderung, einen Studienaufbau zu planen, der ein unvoreingenommenes Bild der tatsächlichen Störwirkungen des Kitesurfens bietet. Allerdings sei es dringend nötig, Faktoren wie anwesende Vögel, andere Freizeitaktivitäten, Wetter, Wassertiefe und Flächennutzung durch Vögel mit einzubeziehen.

Eine Verallgemeinerung der Auswirkungen des Kitesurfens lehnt Cowi ab. Allgemeine Verbote für das Kitesurfen seien nicht zielführend. Daher kommt die Cowi-Studie zu dem Fazit, dass Zonen, die nur Kitesurfen verbieten, eine unangemessene Naturschutzmaßnahme wären, da auch andere Freizeitaktivitäten Störungen von Vögeln verursachen. Um eine wirkliche Schutzwirkung zu erzielen und die Schutzziele für Naturschutzgebiete zu erreichen, müssten alle potenziellen Aktivitäten wie etwa Spazieren mit Hunden, Segeln oder Kajaking berücksichtigt werden.

„Wir hoffen, dass das Gutachten auf Bundesebene zur Kenntnis genommen wird und das Bundesverkehrsministerium das als Grundlage für Entscheidungen mit einbezieht“, schließt Gerhard Dietrich mit einem Blick nach Berlin.

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