Alles gewinnen, nichts aufgeben

von Friederike Hiller

Die Welt umsegeln, aber trotzdem nicht alle Zelte abbrechen? Dass die Entscheidung sowohl zugunsten des Segelns als auch der Freunde und Arbeit zuhause ausfallen kann, zeigen Lutz und Johanna Klostermann. Sie habe ihre Work-Sail-Balance gefunden.

Teilzeit-Segeln

„Wir machen einfach beides. Wir segeln Teilzeit – und haben so die perfekte Work-Life-Balance oder besser gesagt Work-Sail-Balance“, erklären Lutz und Johanna Klostermann und begeben sich auf ihre erste Etappe mit der Dehler 38 „Round 360°“, die im März 2012 von Kappeln bis nach Frankreich führt. „Unsere Lernkurve ist in diesen ersten Wochen auf See sehr steil“, fasst Johanna Klostermann ihre ersten Erfahrungen im Buch „Work-Sail-Balance“ zusammen. Sie hatte sich im Vorfeld über Hand gegen Koje und die Mitseglerbörse bereits mit Schiffen und dem Handwerk des Segelns ein bisschen vertraut gemacht, trotzdem waren sie froh, dass sie auf der ersten Etappe nicht ganz alleine waren.

„Wer müde ist, macht Fehler“

Und so reiht sich eine Etappe an einen Aufenthalt zu Hause, worauf wieder eine Etappe startet. Es geht weiter bis nach Marokko, die Kanaren, über den Atlantik und zum Pazifik. Auf dem Meer stellen sie sich technischen Herausforderungen, wie Luft im Motor, Wetterwechseln, bei dem sie ihr Beiboot verlieren, und erfreuen sich an den tierischen Begleitern. „Gleichzeitig versuche ich hoch konzentriert den Wellenberg hinabzusurfen, um auf keinen Fall quer zur Welle zu schlagen. Das würde ein sicheres Kentern bedeuten.“ Aufräumen und Festzurren gehört zu den anfänglichen Lernereignissen. Und dass Müdigkeit einen Sicherheitsfaktor darstellt. „Wer müde ist, macht Fehler.“

Der immer wieder den Geist aufgebende Autopilot ist an Land vergessen. Zuhause erwartet die beiden der ganz normale Alltag – wenn man von den Planungen für die nächste Etappe absieht. „Das Teilzeitsegeln ist hin und wieder eine organisatorische Herausforderung.“

 

Keine übereilten Entscheidungen

Zuhause gibt es Geburtstage zu feiern und sich mit den Untermietern der eigenen Wohnung zu einigen. Und es beschäftigt sie das Kinder-Adoptionsthema. So kommt es, dass aus der sportlichen Dehler ein schwimmendes Kinderhaus wird. Und die bange Frage, ob der kleine Blondschopf namens Levi auch das Meer mag, löst sich in Wohlgefallen auf. „Wir fühlen uns mit Levi an Bord wohl, auch wenn es viel anstrengender ist und immer eine Person fürs Segeln ausfällt.“

Bis die Reise in Trinidad stockt, Levi Seekrank wird, die Müdigkeit überhand nimmt und die Frage keimt: Wollen wir uns das weiter antun?

„Pläne immer wieder neu zu justieren und sich auch mal eigene Schwächen einzugestehen, ist extrem wichtig. Ebenso wichtig ist es, keine übereilten Entscheidungen zu treffen, sondern sich im Falle der Fälle wenn möglich, aus der belastenden Situation zurückziehen, um sich von außen neu zu bewerten. Hätten wir dies nicht gemacht, wäre unsere Reise schon weit vor der Zeit zu Ende gewesen.“

Magie zwischen Himmel und Ozean

Vier Jahre lang mit Etappen zwischen zwei und zehn Monaten sind sie unterwegs. „Wir sehen die Welt jetzt mit anderen Augen. Und die Magie, die manchmal bei Nacht zwischen Himmel und Ozean aufglimmt, hat einen Platz in unseren Herzen behalten.“

Die Perspektivwechsel zwischen Meer und Heimat empfinden sie als genau richtig. So können sie beides mehr schätzen und werden nie gelangweilt vom Paradies sein. Die Perspektivwechsel zeichnen sich aber nicht nur zwischen Meer und Land, sondern auch im Erzählstil ab. Passagen, in denen Johanna Klostermann erzählt, werden von einer ihres Mannes abgelöst. Weiterhin wird die Geschichte immer wieder aufgelockert von Info-Kästen über Segelmentoren, Organisationshinweisen, Sicherheit und Chemie an Bord. Ihr Modell des Teilzeitsegelns legen sie nicht nur dem Leser ans Herz, sondern wollen ihm auch das Rüstwerk aus eigener Erfahrung dazu an die Hand geben.

 

Ein Reisebericht

Stürme, Haie, Besonderheiten einzelner Länder: All das beschreibt das Ehepaar mit Mut zur Ehrlichkeit, gut nachvollziehbar und auch unterhaltsam. Wer sich vom Teilzeit-Weltensegeln inspirieren lassen will, der findet, was er sucht. Wer sich einfach nur von der Geschichte einer Weltumseglung in Etappen mitreißen lassen möchte, der muss auch durch Durststrecken. Denn leider passiert phasenweise nicht viel Neues. So wie sich auch Tage auf dem Wasser gleichen können, ohne das viel Nennenswertes passiert. Dann ist zwar beispielsweise wieder ein anderer Fisch oder Lebewesen in den Fokus gerückt, aber es ist eben wieder eine Erzählung über eine Tierbegegnung, die man so oder so ähnlich schon gelesen hatte.

Ganz umrundet haben sie die Welt noch nicht. Mit einem Katamaran soll es nun an die restlichen Etappen gehen. „Die Welt zu besegeln und unseren Sohn zu adoptieren – zwei Dinge, die wir uns erträumt hatten -, haben sich verwirklicht.“

Bildnachweis Titelfoto: Artem Pochepetsky / Unsplash

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