Aufgeben ist keine Option

von Friederike Hiller

Wie weit kann der Körper gehen, wenn der Kopf ihn antreibt? Wo ist die Grenze? Was braucht es, um sich durchzukämpfen? Beim Winter Island Hopping mit dem SUP lagen Ehrgeiz und die Sehnsucht anzukommen nah beieinander. Eine gute Möglichkeit, sich unter herausfordernden Bedingungen anders kennenzulernen.

Doch nicht so entspannt, wie erhofft

Ich ziehe den Zipp des Trockenanzugs zu und hoffe inständig, dass mich meine Kombination aus Skiunterwäsche und Fleece, die ich darunter trage, warmhalten wird. Das Thermometer zeigt nur vier Grad Celsius an, mehr sollen es heute auch nicht werden. Der Wind bläst mir ins Gesicht, zerrt an dem SUP, das ich über den Strand trage und der Blick auf die Nordsee verrät nichts Gutes. Wellen rollen auf den Strand. Nach einer entspannten SUP-Tour von Föhr zur Hallig Langeneß und zurück sieht es nicht aus. Egal, ich wollte diese Herausforderung, also werde ich sie auch annehmen.

Der Anzug hält

Doch bereits die ersten Meter lassen die Frage aufkommen, was ich hier eigentlich mache. Die Wellen drücken die Spitze meines Boards immer wieder in Richtung Strand. Gefühlt bin ich mehr mit Gegensteuern als Vorwärtspaddeln beschäftigt. Ein unachtsamer Moment und die nächste Welle hat mich umgeworfen. Kurzer Körpercheck – ich bin trocken geblieben – zum Glück. Nur meine Wollmütze sitzt nun triefend nass auf meinem Kopf. Kniend geht es weiter. Zwei Paddelschläge rechts, links gegensteuern, und wieder von vorne. Die Knie brennen, die ungleiche Armbelastung macht sich im Nacken bemerkbar und der Blick bleibt auf die rote Tonne der Fahrrinne fixiert. Warum kommt sie nicht näher? Was passiert eigentlich, wenn ich aufhöre zu paddeln, wo werde ich dann wohl angetrieben?

Der Atem hilft

Durchziehen, du schaffst das. Aufhören ist keine Option. In meinem Kopf haben keine anderen Gedanken mehr Platz. Sie wechseln zwischen dem Bemerken der Schmerzen, dem Wunsch endlich da zu sein und Durchhalteparolen. Endlich ist sie da, die Fahrrinne. Jetzt müssen wir allerdings noch einen Schlag zulegen, um möglichst schnell bei der grünen Tonne anzukommen und so aus der Schnellstraße der Fähren zu sein. Ich werde wütend – so eine Quälerei. Und dann schaffe ich es irgendwie, meinen Atem mit der Bewegung zu koordinieren. Einatmen Paddel nach vorne bringen, tief ausatmen und das Paddeln dabei durchs Wasser ziehen. Je mehr ich mich auf meinen Atem konzentriere, desto mehr kann ich mich motivieren, weiter zu paddeln. Die grüne Tonne, da ist sie, jetzt müsste ich doch irgendwo stehen könne, endlich mal die Beine ausstrecken. Kann ich sie überhaupt noch strecken? Doch den Priggenweg, den wir laufen wollen, kann ich noch nicht erkennen. Also weiter machen und weiter und weiter.

Kraftreserven mobilisieren

Da sind sie, die Stäbe, die in den Himmel ragen, endlich! Als ich absteige und meine Beine strecke, fluche ich vor mich hin. Der Schmerz, der in meinen Knien pocht, lässt nur langsam nach. Bestimmt hat sich das Muster des Boards in meine Knie eingraviert. So stapfen wir, indem wir das Board hinter uns her ziehen weiter in Richtung Hallig. Auch anstrengend, aber alles besser als wieder auf den Knien zu sitzen. Plötzlich wird es wieder tiefer – doch noch mal aufs Brett. Für die letzten Meter gegen die Strömung gegenan die letzten Kraftreserven mobilisieren, dann ist es geschafft. Land unter den Füßen.

Was für ein belebendes Gefühl!

Die Erholungspause hält sich allerdings in Grenzen. Wenn wir die Strömung jetzt mit uns haben wollen, müssen wir bald wieder los. Hektisch suchen die Gedanken nach einem Ausweg. Gibt es eine Fähre? Ein Shuttle? Nein, der einzige Weg ist mit dem SUP. Also wieder die in wasserdichten Säcken und im Gepäcknetz des SUP verstauten trockenen Kleidungsstücke wieder eingepackt, Trockenanzug und Neoprenschuhe angezogen und ab aufs Brett. Zum Glück haben Wind und Wellen ein wenig nachgelassen, sodass ich im Stehen paddeln kann. Vom Knee-up-paddling zum Stand-up-paddling. Meine Laune steigt. Und auch wenn mir alle Muskeln weh tun, macht es richtig Spaß – was für ein schönes SUP-Gefühl. Meine Konzentration liegt ganz auf dem Ziel. Zurück an Land hilft eine „Tote Tante“ die Lebensgeister wieder vollständig zu sammeln. Der Boden unter meinen Füßen schwankt – doch mehr aufgrund der Wellen als des Alkohols, die Lachmuskeln nehmen wieder ihren Dienst auf und bei den Zahlen, die nun klar werden, durchflutet mich eine Woge des Stolzes. Ich habe es geschafft, ich habe mich durchgebissen. In 3 Stunden und 20 Minuten bei bis zu 22 Knoten Wind und zuletzt Strömung gegenan sind wir nach Langeneß und in 1 Stunde und 18 Minuten zurück gepaddelt. Was für ein belebendes Gefühl!

Wieder Seitenwelle

Der nächste Morgen. Als der Wecker klingelt, bemerke ich den Muskelkater in den Oberschenkeln und die noch leicht geschwollenen Knie. Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, dass auch heute leider keine Flaute herrscht. Wie werde ich meine Kräfte ein weiteres Mal - für die zweite Tour nach Amrum - mobilisieren können? Vielleicht schiebt ja die Strömung ordentlich an. Die Wellenhöhe lässt es zu, dass ich stehend paddeln kann. Doch wieder drücken Wind und Wellen gegen die Sandbänke. Das Gegensteuern erschwert das Vorwärtskommen. Nicht schon wieder! Dieser zermürbende Gedanke macht sich in mir breit und so schaffe ich es nicht, die Kraft richtig aufs Wasser zu bringen.

Glück im Geschwindigkeitsrausch

Unsere Gruppe hat sich verändert, es sind neue Teilnehmer hinzugekommen. Sie geben ordentlich Gas und bald schon klafft eine Lücke zwischen ihnen und der Nachhut inklusive mir. Ich versuche die Intensität der Paddelschläge zu erhöhen, verzweifle aber bei dem Blick auf den Abstand. Dann naht die Rettung. Bene von der Segelschule ist mit dem H-Boot unterwegs, wirft eine Leine über Bord und ich schaffe es beim zweiten Versuch, sie zu greifen. Es gibt einen kleinen Ruck, ich muss auf dem Board weiter nach hinten rutschen und los geht es. Ich strahle über das ganze Gesicht und freue mich über die Geschwindigkeit. Beschwingt nehme ich das Paddel wieder auf, als wir die anderen erreicht haben.

Wattwanderung mal anders

Zwei Stunden sind wir bisher gepaddelt, vorerst wollen wir die Muskelgruppen ein bisschen anders beanspruchen, steuern eine Sandbank an und laufen im knietiefen Wasser an dieser entlang, während wir die Boards ziehen. Schmatzend graben sich die Schuhe ab und zu in den schlickigen Untergrund oder rutschen leicht weg. Die Hände frieren trotz Neoprenhandschuhen. Und dann ist eine Sandbankausbuchtung erreicht. Entweder müssen wir einen großen Umweg laufen oder gegen den Wind wieder gegenan paddeln und hoffen, dass die Kraft ausreicht oder aber die Boards über die Sandbank ziehen. Ich greife die Öse der Leashbefestigung, die Schnur schnürt leicht die Finger ein, der Nacken spannt sich, los geht’s – Wattwanderung mal anders. Bei jedem Handwechsel brennt der Nacken. Was für ein Hochgefühl, als wir nach 1 Stunde und 45 Minuten das Ende der Sandbank erreicht haben. Noch ein letztes Stück paddeln und dann sind wir auf Amrum.

Ganz euphorisch

Es fühlt sich so frei und schön an, das Paddeln einzutauchen, durchzuziehen und das Board unter mir zu spüren, wie es über das Wasser gleitet und Fahrt aufnimmt. Jetzt habe ich wieder das Gefühl, ich könnte noch Stunden so weiter paddeln...aber ich bin trotzdem froh, als das Ufer erreicht ist und zwar rechtzeitig um nach einer kleinen Mittagspause noch das Wattentaxi zurück nach Föhr zu bekommen. Auf der Rückfahrt durchflutet mich wieder das wohlige Gefühl, es geschafft, mich erfolgreich der Herausforderung gestellt und meine eigenen Grenzen erweitert zu haben.

Das Ziel Sylt bleibt

Das Schwanken, das ich noch am kommenden Morgen unter meinen Füßen spüre, der Muskelkater und die Kopfschmerzen vom Vorabend kämpfen in mir gegen den Ehrgeiz auch noch die letzte Etappe des Winter Island Hopping nach Sylt und zurück zu paddeln. Dieses Mal gewinnt mein Körper und es wird nur ein kleiner SUP-Trip direkt vorm Strand von Wyk bei strahlendem Sonnenschein und besten Bedingungen. Einfach herrlich! So hätte es bereits die letzten Tage sein können. Aber die Natur bleibt trotz Vorhersagen unberechenbar und das ist ja wiederum auch gut so. Die Sylt-Tour muss bis zum Sommer warten, dann will ich sie auf jeden Fall nachholen. Dann werde ich wieder zu SUP Island Föhr kommen und mitpaddeln.

Den Bericht über das Winter Island Hopping lest Ihr hier: Unvergessliches SUP-Abenteuer

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