Wenn das Trapez gefriert

von Friederike Hiller

Schwimmerbereich? Fehlanzeige! Dort tummeln sich jetzt die Kitesurfer und genießen die Winter-Spots. Eingefrorene Leinen und ein leichter Eisfilm auf dem Neopren sind nebensächlich. Kiters-Glück bei steifer Brise.

„Kitesurfen hat mein Leben verändert“

„Kitesurfen hat mein Leben verändert“, sagt Oliver Grafelmann, während der eisige Ostwind an seinem fünf Millimeter dicken Neopren-Anzug zerrt, den Sand, in dem die Leinen ausgelegt sind, aufwirbelt und die Wellen der Ostsee auf den Strand peitscht. Nur ein paar hartgesottene Spaziergänger sind unterwegs und schauen etwas ungläubig den vier Kitern zu, die vor der 2 Grad kalten Ostsee und einer Lufttemperatur von minus 4 Grad, die gefühlte minus 10 Grad hat, nicht zurück schrecken. Immerhin scheint die Sonne.

Nur ein bisschen kalt

Ein bisschen kalt sei es schon, gibt der 32-Jährige lächelnd zu. Aber mehr an den Fingern und Füßen. Die Handschuhe sind nicht mehr ganz dicht, an den abgeschabten Stellen dringt kaltes Wasser ein, der Wind pfeift durch jedes kleine Loch. Trotzdem ist Oliver die Vorfreude auf die nächsten eineinhalb Stunden auf dem Wasser ins Gesicht geschrieben. Die Augen leuchten, das Grinsen spannt sich von einem zu anderen Wangenknochen.

Kein Kurs im Februar

Vor drei Jahren kam er zum ersten Mal mit einem Kite in Berührung. Damals kaufte er sich einen Lenkdrachen auf dem Flohmarkt. Um die Kraft des Windes noch mehr zu spüren, musste die Fläche vergrößert werden, also stieg er auf eine Matte um. Und dann machte er Bekanntschaft mit dem Kitesurfen. Auf der Suche nach Drachen stieß er im Internet auf das Kitesurfen. Das Ziel war klar. Der Autodidakt lernte vom Zuschauen und als er dann aufs Wasser wollte, gab es keine Kurse. „Es war Februar.“ Ein sehr milder muss es gewesen sein, denn das Erste, was Oliver feststellte, als er zum ersten Mal im Neo ins Wasser ging: „Das ist ja gar nicht so kalt.“ Wirklich geklappt, hat es beim ersten Mal nicht. Doch er gab nicht auf und dann lief es auch.

Den Wind im Blick

„Seitdem gucke ich immer nach Wind. Ich richte alles, soweit es geht, aufs Kiten aus.“ Das könne er nur machen, weil seine Mutter ihn bei der Betreuung seiner Tochter unterstütze. Wenn kleine Reparaturen anfallen, kümmert er sich selbst darum. Das gehört für ihn so selbstverständlich dazu, wie der Spaß auf dem Wasser. Und das Adrenalin. Zu Beginn sei ihm das bereits durch die Adern geschossen, als er nur den Zug des Kites spürte und versuchte, sich von ihm aus dem Wasser ziehen zu lassen. Jetzt bedarf es schon ein bisschen mehr bis das Hormon ausgeschüttet wird.

Bauchklatscher vom Sprungturm

Jetzt sind es die Versuche den Kiteloop in größerer Höhe ordentlich zu landen. Gelingt es nicht, dann klatsche er auf das Wasser auf. „Das tut richtig weh.“ In etwas so, als wenn man von Sprung-Turm im Hallenbad einen Bauchklatscher mache. Nur mit dem Vorteil, dass der Neopren ein bisschen Dämpfung liefert.

Adrenalin ist also immer noch ist es ein großer Bestandteil – und ein Grund, warum es ihn immer wieder hinauszieht. Windgeschwindigkeiten werden da eher zur Nebensache. Egal ob fünf Knoten oder 60 Knoten Wind – das sei alles irgendwie kitebar.

Neue Kite-Heimat

Ein weiterer Grund ist die Gemeinschaft, die für ihn über das Kiten entstanden ist. Er hat neue Freunde kennengelernt und eine neue „Heimat“ gefunden.

Happy und energiegeladen

Nicht nur das gemeinsame Erlebnis, das zusammen schweißt und die gemeinsame Freude am Sport haben dazu beigetragen, auch seine innere Veränderung, die durch das Kiten entstanden ist. „Ich bin viel selbstgewusster geworden“, berichtet der Maler. Die Liebe zum Wasser sei schon immer da gewesen. Jetzt kann er die Nähe zum Element noch intensiver spüren. „Man sieht so viele schöne Sachen beim Kiten.“

Dieses Hochgefühl habe ihm schon manches Mal den Tag gerettet. Wenn er in einer deprimierten Stimmung war, sich aber Zeit freihalten und aufs Wasser gehen konnte, dann durchströmte auf der Rückfahrt eine komplett andere Atmosphäre das Auto. „Dann bin ich richtig happy und richtig energiegeladen!“

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