Quali mit Goldhäubchen

von Friederike Hiller

Der Druck war immens, die Konzentration hoch, die Routine gewinnbringend: Die 49erFX-Seglerinnen Tina Lutz und Susann Beucke sicherten sich während der Kieler Woche die Qualifikation für die Olympischen Spiele und ganz nebenbei noch den Kieler Woche Sieg. Ein Blick auf das Auf und Ab der Gefühle….

 

„Es war emotional eine hammerartige Woche“, beschreibt Susann Beucke ihren Gemütszustand der vergangenen Tage mit einem gold-gekrönten Abschluss am Sonntag. Familie und Freunde fieberten mit den beiden Skiff-Seglerinnen mit. „Die Familie war nervöser als wir“, berichtet die Vorschoterin Susann. Daher sei es eine positive Herausforderung gewesen, die Familie so nah dabei zu haben. Sie waren mit großen Plakaten im Dickschiff nah der Regattabahn zu sehen und verfolgten direkt die Rennen der Seglerinnen. Sie zittern seit 13 Jahren mit und drücken die Daumen für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen. „Unser Trainer hat gefragt, wie viele Familienmitglieder wir denn noch haben, als immer mehr dazukamen.“ Die Befürchtung, dass die Seglerinnen aus ihrer Routine gerissen würden, verflog, als die beiden zeigte, dass sie vollkommen konzentriert agierten und die Situation meistern können.

Foto: Kieler Woche/www.segel-bilder.de

Dann kam alles Schlag auf Schlag

Nach einer zweimonatigen Corona-Pause konnten Tina und Susann erst im Juni wieder mit dem Training beginnen. „Wir haben viel weniger Zeit in der Vorbereitung auf dem Wasser verbracht“, fasst die Vorschoterin zusammen. Ihr Trainer aus England durfte zunächst nicht einreisen, sodass sie ihre Trainingsziele selbst festsetzten. „Das war zu Beginn ziellos, weil wir noch nicht wussten, dass die Kieler Woche die Qualifikation wird.“ Doch dann kam alles Schlag auf Schlag. Die Information zur Qualifikation erhöhte den Druck, der Trainer kam und ein sehr langer Trainingsblock begann. „Ich hatte schon Angst, dass wir zu ausgepowert sein könnten“, berichtet Susann. Doch bereits fünf Tage vor der Kieler Woche waren die Vorbereitungen abgeschlossen, die Trainingsziele erreicht. „Da wusste ich, dass wir gut vorbereitet sind.“

Foto: Kieler Woche/Sascha Klahn

Konzentriert und konstant

Trotzdem war der Druck hoch. „Es war so viel Druck wie noch nie bei einer Regatta in unserem Leben. Es war unser dritter Versuch (der Olympiaqualifikation) und für uns die erste gemeinsame Regatta seit November.“ Bis kurz vor der Kieler Woche hing auch noch alles am seidenen Corona-Faden. Nicht, dass das Event doch noch offiziell abgesagt werden müsste. „Ich bin stolz, dass wir das so weggesteckt haben.“

Sie gingen jede Wettfahrt für sich an – segelten konzentriert und konstant. Als dann der Sonnabend mit Starkwind kam und sie keinen Streicher segelten, platzte der Knoten. „Es läuft, wir sind in einer guten Form“, so das Fazit. Und auch wenn der letzte Tag mit zwei Wettfahrten noch anstand, alle Rechnungen ergaben, dass ihnen die Qualifikation nicht mehr zu nehmen ist. „Abgerechnet wird zwar im Ziel, und der Sonntag kam noch, aber ich habe das ganz oft durchrechnen lassen“, so Susann. „Wir hatten es geschafft, es war unglaublich und wir haben gefeiert.“ Die emotionale Stimmung setzte sich auch in der Nacht fort, richtig schlafen habe sie nicht können.

Foto: Kieler Woche/www.segel-bilder.de

Alles passte zusammen

Und dann kam der Sonntag. Die erste der zwei letzten Wettfahrten wäre dann beinahe noch ein Frühstart gewesen – doch das ganze Feld wurde zurückgerufen. „Wir sind dann defensiver rangegangen und hatten Glück, dass die anderen auch nicht so performt haben.“ Dass sie den ersten Platz ersegeln, hätten sie nie gedacht. Es sei das Sahnehäubchen. „Wenn ich an die Kieler Woche denke, dann denke ich an ein starkes Team, das zu jeder Zeit weiß, was zu tun ist und eine starke Sicherheit hat“, fasst Susann Beucke zusammen. Jeden Tag haben sie das abgerufen, was sie im Training durchgespielt hatten. Die Routine lief rund, alles passte zusammen.

Foto: Kieler Woche/Sascha Klahn

Vorlieben für Leicht- oder Starkwind?

Doch wer sie auf ihre Starkwind-Vorliebe anspricht, liege nicht ganz richtig. „Wir haben keine Windbedingung mehr, bei der wir sagen würde, dass das unsere Achillesferse ist. Und ich wollte eigentlich lieber Leichtwind.“ Bei viel Wind besteht das Risiko zu kentern. „Wenn du beispielsweise halsen musst und in dem Moment eine Böe kommt, hast du das Pech und kenterst“, beschreibt sie ein mögliches Starkwind-Szenario. Also haben sie ihren Mut zusammengenommen und die vier Starkwindrennen absolviert. Auch wenn sie sich entspanntere Bedingungen gewünscht hätten.

Unkalkulierbarer See

„Im Fitnessstudio wird man mich die nächsten eineinhalb Woche nicht sehen“, gibt Susann einen Ausblick, auf das was kommt. Und zunächst haben sie frei – „also wirklich frei“, wie sie noch hinzufügt. Dann geht es nach Österreich. Dort startet am 27. September die Europameisterschaft auf dem Attersee. Und was hat sich das Team Lutz/Beucke zum Ziel gesetzt? „Unser Trainer sagt, dass wir ohne Erwartungen rangehen sollen und es wird Sinn haben, dass er das sagt. Der See ist unkalkulierbar. Da kann alles passieren.“ So wollen sie die EM als eine weitere Regattamöglichkeit mitnehmen, ihre Routine durchspielen.

Bildnachweis Titelfoto: Kieler Woche/www.segel-bilder.de

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