Unmögliches versuchen, Mögliches erfahren

von Friederike Hiller

„Lieber ein schlechter Tag auf dem Wasser als ein guter Tag im Büro.“ Das Glück und den Mut sich eine Auszeit gönnen zu können, hat Martin Röhrig. Der Hamburger kauft sich einen Bulli und reist die Küsten Frankreichs, Spaniens und Portugals ab. Auf der Suche nach sich, neuen Erfahrungen und der nächstgelegenen Werkstatt.

 

Ruf der inneren Unruhe

Mit „Schrauben.Schlafen.Surfen“ hat Martin Röhrig einen Reisebericht über sein Bulli Sabbatical am Atlantik geschrieben. 44, männlich, Single, beruflich erfolgreich – so könnte es weitergehen. Wenn da nicht die innere Unruhe wäre. Kann es das gewesen sein? Ein neues Abenteuer muss her, etwas mit Surfer-Feeling. Also wird der Job gegen einen VW T2 eingetauscht und der Abschied gebührend gefeiert. „In meiner zurückhaltenden Art habe ich quasi die komplette Beach-Bar nebst Personal gemietet.“ Nicht ganz so zurückhaltend sind auch die Extras, die er mit an Bord nimmt. Beispielsweise ein „extrem großes Teleobjektiv“.

Schlumpf-Gefährt(e)

„Smurfy macht mich noch zum Alkoholiker“, stellt der Autor fest. Nachdem sein neues Gefährt aufgrund seiner blau-weißen Farbe Ähnlichkeiten mit einem Schlumpf aufweist und das neue Familienmitglied einen Namen benötigt, wird der Bulli „Smurfy“ getauft. Und hat so einige Gebrechen, die noch vor der Abreise behoben werden müssen und die ihren Besitzer zum regelmäßigen Alkoholkonsum bringen.

„Zu zweit ist es schöner“

Alterserscheinungen seines mobilen Begleiters, Probleme mit dem Unbekannten und die anfängliche Erkenntnis - „Alleinsein finde ich gerade ziemlich blöd“ – begleiten ihn. Daher stellt er auch fest, nachdem er neue Bekannte getroffen hat. „Zu zwei ist es einfach schöner. Auf meinem Lonely-Planet-Mood-Chart habe ich es alleine nur selten auf einen Happyness-Faktor von über 60 Prozent gebracht. Und doch wollte ich keinen dieser Tage missen, keinen der orientierungslosen Gedanken, die allesamt sehr wertvoll waren, und keine der intensiven Eindrücke und Begegnungen.“ Und so lässt er sich auf die neuen Erlebnisse ein, erkundete die Länder und bietet dem Leser Kultur-, Stellplatz- und Werkstatttipps. Zudem lässt er neben den Fotos seiner Reise auch Rezepte für die Camping-Küche einfließen. Die Tipps sind für jeden wertvoll, der noch keine Tour entlang der Atlantik-Küste unternommen und auch ein pflegebedürftiges Auto unter dem Hintern hat. Wer regelmäßig die Atlantikküsten Frankreichs, Spaniens oder Portugals bereist und selbst bereits die Schönheit dieser Landstriche entdeckt hat, dem sind diese Passagen wohlbekannt und auch das Van-Leben bietet dem Surf-Bus-Fahrer nicht wirklich Neues. Aber dann kann der Leser einfach in die kurzweilige Geschichte eintauchen und – wenn nötig – von den Werkstatttipps profitieren. Die Story liest sich leicht, ist humorvoll und nimmt den Leser mit. Nervenaufreibende Rückschläge in Form von Reperaturmaßnahmen kommentiert Martin Röhrig nur kurz und knapp mit „Meine Stimmung ist unter null.“ oder „Ich bin am Ende.“ Schnell kompensiert er seine aufkeimende schlechte Laune mit humorvollen Beschreibungen und neuen Erlebnissen. „Das Gefühl, das mich unerwartet überkommt, lässt sich nicht in Worte fassen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung, Freude und Glauben bahnt sich seinen Weg,“ beschreibt er, nachdem er die Atmosphäre der Kathedrale in Santiago de Compostela erspürt hat.

„So kann es laufen, wenn man einfach drauf losfährt“, fasst Martin Röhring zusammen.

„well entertained“

Nach dem Lesen von „Schrauben. Schlafen. Surfen“ sind wir neugierig (nicht nur, weil wir wissen wollen, ob Smurfy noch lebt) und haben Martin Röhrig ein bisschen ausgefragt.

Wie geht es Smurfy?
Martin Röhrig: Smurfy hält mich immer noch „well entertained“. Wie angekündigt, sind wir seitdem im Norden geblieben. Vorwiegend für Kitetrips an dem Wochenenden an Nord- und Ostsee und für einen zwei Wochentrip in Dänemark. Zudem ist Smurfy seit der Veröffentlichung ein viel gefragter Bulli und wird hier und da für Vorträge angefordert. Zudem gibt es inzwischen einen Trailer und ein Instagram Profil.
Technisch wurde es auch nicht langweilig. Der Motor musste nochmal komplett auf Links gedreht werden, zudem die Vergaser und die Vorderachse hatte auch die Grätsche gemacht- also alles im Rahmen (schmunzelt)

Hat sich durch den Roadtrip das Thema Alleinsein für Dich verändert?
Jupp- vielleicht was das das Haupt „Outcome“ der Reise. Ich bin inzwischen super gerne alleine, besonders gerne alleine mit Smurfy. Ich plane Reisen alleine und automatisch ergibt sich die schönste Gesellschaft, die man sich wünschen kann. 

Was hast Du von Deinem Roadtrip in den Alltag mit übernehmen können?
Mein Wertesystem hat sich nachhaltig verändert: Ich weiß besser, worauf es ankommt oder noch besser, worauf eher nicht. Minimalismus als Grundlage von Freiheit. Zudem weiß ich, dass ich meine kleinen Freiheiten brauche, auch im normalen Büroalltag - einfach mal alleine durchatmen. 

Lust auf etwas zornig Schnelles

Du schreibst zu Beginn des Buches, dass Du Deine Midlife-Crisis nach zwei Jahren Gyrocopter offiziell für beendet erklärt hast. Hast Du Deinen Roadtrip und die Suche nach Dir selbst nicht als eine andere Art der Midlife-Crisis gesehen?
Wasser auf die Mühlen meiner Lektoren, die diese Reise als klare Midlife Crisis Aktion sehen. Weder der Gyrocopter, noch der Trip hatten den Geschmack einer Krise, weswegen es vielleicht einfach nur weitere Bausteine auf dem Weg zum Erfahren des Möglichen durch Versuchen des Unmöglichen sind.
Rückblickend war es eine schöne Aktion. Weitere Aktionen in dem Kaliber werden folgen - zum Glück weiß ich noch nicht, welche.

Wie verändert sich das Sitzgefühl, wenn der Bürostuhl einige Zeit gegen den Fahrersitz eines Bullis eingetauscht wurde?
Ich bin den Wiedereintritt in die Arbeitswelt mit sehr klaren Vorstellungen an Aufgabe und Umfeld angegangen und habe es energisch verfolgt. Den letzten Job hatte ich vor der Tour abgeschlossen. Das Ergebnis ist, dass ich jetzt quasi meinen Traumjob in logischer Fortsetzung der Karriere gefunden habe. Ich schaue von meinem Bürostuhl auf die Elbe und sehe, wenn strammer Wind weht. Und wenn es sich um einen Freitag handelt, wartet mit aller Wahrscheinlichkeit Smurfy schon gepackt vor der Türe…  

Kommen wir zu einer nicht ganz ernst gemeinten Frage: Wie passen Segel-Schuhe und Surfer-Feeling zusammen?
Der gemeinsame Nenner ist die Liebe zu den Elementen Wasser und Wind, die Weite der Meere. Ich habe über 20 Jahre lang jeden Traum, den ich als Segler hatte, erfüllt. Ich bin viele Jahre Katamaran leistungsorientiert gesegelt, war dann Skipper im Hamburgischen Verein Seefahrt mit 52 und 56 Fuss Rennyachten (Broader View und Haspa Hamburg) und als ich das alles erlebt hatte, bin ich 8 Jahre Heti 12mR gesegelt. Kiten entstand parallel, wenn ich den Wunsch hatte, alleine oder nur mit ein paar wenig Freunden unterwegs zu sein. Ich segele immer noch sehr gerne. Wenn es wieder ein Bootsprojekt werden sollte, dann was zornig schnelles (Kiten versaut) und Handliches (keine Lust mehr auf große Crews). Und dann geht es mit Segelschuhen in den Surf- why not? 

 Bildernachweis: Martin Röhrig

Schrauben, Schlafen, Surfen: Mein Bulli Sabbatical am Atlantik – Eine Aussteigergeschichte auf Zeit - Mit Smurfy, dem VW Bulli T2 unterwegs - Kiten & Surfen - Mit GPS-Daten

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