Es endete dort, wo alles begann

von Friederike Hiller (Kommentare: 2)

Wenn der letzte Tag gekommen ist, ist es schwer das zu begreifen, auch wenn es die richtige Entscheidung war. Doch es wird dauern, das zu verknusen: so fasst Skipperin Kirsten Harmstorf-Schönwitz das Ende des erfolgreichen Tutima-Projekts zusammen. Ein tränenreicher Abschied - aber auch mit Vorfreude, auf das was kommt.

Anfang und Ende und 11 Jahre dazwischen

Die Lady (so wird die DK46 „Tutima“ liebevoll von der Frauen-Crew genannt) wurde über elf Jahre für die Seglerinnen, allen voran Skipperin „Kirsche“, zu einer zweiten Heimat. Der Abschied war dementsprechend emotional. Und die etwas andere Kieler Woche - ohne Publikum an Land und mit viel Abstand - brachte die Seglerinnen in einen auf sich konzentrierten Abschiedsmodus. „Wir haben kaum andere Leute getroffen und waren im Hafen schnell verschwunden“, berichtet Kirsten. Das Socialising, das normalerweise dazugehöre und aufgrund der Corona-Hygieneregeln auf ein Minimum beschränkt war, habe zwar gefehlt, doch die intensive Zeit mit dem Team, war für die Abschiedsregatta ein guter Rahmen. Und auch auf dem Wasser konnten die Seglerinnen noch einmal zeigen, was in ihnen steckt. „Wir haben super gesegelt. Es hätte teilweise ein bisschen weniger Wind sein können, aber so wurden wir noch einmal ordentlich herausgefordert.“ Wenn bei viel Wind, viel Power gefragt sei, stellten die langjährigen Crewmitglieder fest, dass sie doch älter geworden sind. Allerdings hielt sie das keineswegs davon ab, zu kämpfen. „Die Manöver haben toll geklappt“, schwärmt Kirsten. Das habe es zwar auch schwer gemacht, Abschied zu nehmen. „Aber besser so ein Abgang, bei dem wir allen zeigen, dass wir gut segeln können und nicht nur alberne Pinkies sind.“ Über sich selbst lachen zu können, haben sich aber die Seglerinnen mit den pinken Fleecejacken nie nehmen lassen. „Unser großes Plus ist, dass wir immer alles zusammen durchstehen, unser Teamgefühl und dass wir den Spaß nie aus den Augen verloren haben.“

Foto: Tutima-Crew

Rauschefahrt ins letzte Ziel

Mit der Kieler Woche 2009 begann alles, mit der Kieler Woche 2020 endete es. „Die Kieler Woche war ein schöner Abschluss, besser hätte ich es mir nicht vorstellen können. Ein schöner Abschied, der schwer fiel. „Wir haben am letzten Tag viel geheult. Die letzte Wettfahrt war furchtbar. Es gab so viele letzte Male.“ Der letzte Start, die letzte Kreuz, der letzte Downwindkurs und das letzte Mal durchs Ziel. Um die Schwermütigkeit wegzupusten, drehte der Wind auf. Am Luvfass schaute die Skipperin auf die Windanzeige, die ihr verriet, dass 34 Knoten über den Kurs fegten. Trotzdem zogen sie den Spinnaker und die letzte Rauschefahrt ins Ziel begann. Unter Tränen des Wehmuts, aber auch gleichzeitig des Glücksgefühls, dass jeder Handgriff sitzt, alle vollen Einsatz geben, alles läuft und die Geschwindigkeit der Lady sie alle mitreißt.

Rückblick auf tolle Zeiten

Und so schweiften während des Events die Gedanken zur 1. Kieler Woche für die Tutima-Crew. „Ich weiß nur, dass ich wahnsinnig aufgeregt war und mit dem Boot noch nicht so viel gesegelt bin. Als ich das erste Mal hinter dem Steuer stand, habe ich gedacht: Was für ein Schlachtschiff.“ Sie habe einen „Höllenrespekt“ gehabt. Letzter seien sie nicht geworden – aber fast blauäugig losgefahren. Rückblickend sieht sie, „wie wir Jahr für Jahr professioneller geworden sind.“ Vor elf Jahren hätten sie bei 34 Knoten nie den Spi gezogen. „Früher hätten wir den wahrscheinlich nicht mal bei 20 Knoten gezogen, weil wie nicht gewusst hätten, wie wir den wieder runter bekommen.“ Tolle Zeiten waren die letzten elf Jahre. Die Krönung war das Fastnet Race im vergangenen Jahr. „Dass wir da mitgemacht haben, kann ich bis heute kaum glauben. Es war mit das Aufregendste in all den Jahren.“

Foto: Kieler Woche/Sascha Klahn

„Ganz oder gar nicht, aber nicht mit Halbgas“

„Alles hat seine Zeit“, sagt Kirsten - und die Zeit des Frauen Dickschiff-Projekts auf der „Tutima“ ist nun vorüber. Alles unter einen Hut zu bekommen, brachte erste Ermüdungserscheinungen mit sich. Zwei Full-Time-Jobs seien auf Dauer einfach zu viel. Jedes Wochenende verbrachte sie auf dem Wasser. Als Skipperin gab es keine anderen Verpflichtungen, sie war immer dabei, alles andere musste hintenanstehen. Mehr Aufwand, mehr Organisation, mehr Hinterherlaufen, fasst sie ihr Aufgabenpensum zusammen. Auch habe Kirsten in den letzten Jahren feststellen müssen, dass es immer schwieriger wurde, Mädels ins Team zu holen, die sich zu 100 Prozent engagieren und alles andere stehen und liegen lassen. „Es ist schwer, Jugendliche zu finden, die so für eine Sache brennen.“ So sei bereits im Vorfeld Stress ausgebrochen, wenn Leute ausfielen. „Eine gute Vorschiffsfrau auf dem Bigboat beispielsweise findest du nicht an jeder Ecke.“ Je älter sie werde, desto weniger stecke sie das weg und so schneller werde sie gestresst.

Dann kamen noch die Veränderungen in der ORC-Szene hinzu. An die Verrechnungsregel habe sie sich nie so richtig gewöhnen können, das sei frustbehaftet gewesen. Zudem sei ORC I schon lange keine eigene Gruppe mehr gewesen, sondern immer mehr ausgedünnt. „Das macht nicht mehr so viel Spaß.“ Vor einem Jahr habe sie dann die Entscheidung getroffen, noch eine Saison zu machen. Corona hätte den Abschluss beinahe ganz platzen lassen. Doch ihre Entscheidung ein weiteres Jahr hinauszuzögern, wäre trotzdem keine Option für die Skipperin gewesen. „Ganz oder gar nicht, aber nicht mit Halbgas“, sei das Motto der Seglerinnen.

Foto: Kieler Woche/www.segel-bilder.de

Keine Nachfolge

Eine Abschlussfahrt, auf der sich die Crew von der Lady verabschiedet, gibt es noch. Danach kommt sie in die Halle. Wie es mit ihr weitergeht, sei noch nicht klar. Das Projekt der Tutima Frauen-Crew ist beendet. „Copy and paste ist nicht machbar.“

Gemütlich über die Ostsee schippern

Von gestern auf heute ist aber nur das Regattasegeln vorbei, denn seit dem vergangenem Jahr besitzen Kirsten und ihr Mann ein eigenes Boot und die erste Fahrtentour haben sie bereits gemeinsam gesegelt. „Jetzt werden wie gemütlich und entspannt über die Ostsee schippern. Für das nächste Jahr freue ich mich darauf, die Wochenenden so zu genießen oder nach Lust und Laune auch zuhause zu bleiben.“

Eine Arbeitsteilung an Bord gebe es nicht, auch wenn Kirsten gern das Ein- und Ausparken im Hafen übernimmt. „Ich mache das schon mein Leben lang, habe mit sechs Jahren damit angefangen und mache das blind. Und ich möchte alles andere außer Hafenkino. Ich hasse es, wenn das Hafenmanöver nicht gelingt.“ Doch sie lehne sich auch zufrieden zurück. „Ich lasse mich sehr gerne durch die Gegend segeln“, erklärt die Skipperin, die auf dem ersten Törn feststellen musste, dass überall Hände fehlen, die sie von großen Crews gewöhnt war. Doch sie bekommen zu zweit alles gut hin und segeln auf einer Wellenlänge. Wenn der Wind zu sehr nachlässt, wird der Motor angeworfen. „Flautensegeln war der Horror bei Regatten, wenn man nur so rumtreibt.“ Jetzt gibt es kein Regelwerk mehr, das verbietet, den Motor einzuschalten und somit auch kein Dahintreiben. Das neue Segelgefährt wird aber nicht nur für Zweiertörns genutzt werden. Auch die Mädels werden zu der ein oder anderen Tour mitkommen, verrät Kirsten Harmstorf-Schönwitz. „Und vielleicht segeln wir auch eine lustige Regatta, mal schauen, noch ist nichts in Planung.“ Ein paar Events wollen alle weiterhin zusammen machen. Ob Weihnachtsfeier oder Spaß-Regatta: Eines steht auf jeden Fall fest, „das Schiff bleibt so voll beladen wie es ist.“

Anm. der Redaktion: Ihr werdet auf den Regattabahnen fehlen und wir freuen uns, Euch hier und da auf dem Wasser wieder zu begegnen.

Bildnachweis Titelfoto: Kieler Woche/www.segel-bilder.de

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Gravatar von Peter Weber

Peter Weber

Hallo Kirsten,
es ist schade, dass es eine Frauencrew wie ihr es gewesen seid nicht mehr auf der Bahn zu finden ist. Ich verfolgte euren

Gravatar von Loose

Loose

Ein großartiger Bericht,den wir als Eltern eines Crew Mitglieds sehr gut nachempfinden können.Wir stehen mit 39Fuss auch zur Verfügung fuer genüssliches gemeinsames Segeln so wie Kirsche es angedeutet hat!! Auf bald,Karen und Dirk Loose.

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